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Name und Begriff der
Philosophie
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Doktorratsstudium der Fächer Philosophie und Wissenschaftstherorie
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie.
Einleitung
[Heidelberger Niederschrift]
Indem ich die Geschichte der Philosophie zum Gegenstande dieser Vorlesungen
mache und heute zum ersten Mal auf hiesiger Universität auftrete, so erlauben
Sie mir nur dies Vorwort hierüber vorauszuschicken, daß es mir nämlich besonders
erfreulich, vergnüglich [ist], gerade in diesem Zeitpunkte meine philosophische
Laufbahn auf einer Akademie wieder aufzunehmen. Denn der Zeitpunkt scheint
eingetreten zu sein, wo die Philosophie sich wieder Aufmerksamkeit und Liebe
versprechen darf, diese beinahe verstummte Wissenschaft ihre Stimme wieder
erheben mag und hoffen darf, daß die für sie taub gewordene Welt ihr wieder ein
Ohr leihen wird. Die Not der Zeit hat den kleinen Interessen der Gemeinheit des
alltäglichen Lebens eine so große Wichtigkeit gegeben, die hohen Interessen der
Wirklichkeit und die Kämpfe um dieselben haben alle Vermögen und alle Kraft des
Geistes sowie die äußerlichen Mittel so sehr in Anspruch genommen, daß für das
höhere innere Leben, die reinere Geistigkeit der Sinn sich nicht frei erhalten
konnte und die besseren Naturen davon befangen und zum Teil darin aufgeopfert
worden sind, weil der Weltgeist in der Wirklichkeit so sehr beschäftigt war, daß
er sich nicht nach innen kehren und sich in sich selber sammeln konnte. Nun, da
dieser Strom der Wirklichkeit gebrochen ist, da die deutsche Nation sich aus dem
Gröbsten herausgehauen, da sie ihre Nationalität, den Grund alles lebendigen
Lebens, gerettet hat, so dürfen wir hoffen1, daß neben dem Staate, der alles
Interesse in sich verschlungen, auch die Kirche sich emporhebe, daß neben dem
Reich der Welt, worauf bisher die Gedanken und Anstrengungen gegangen, auch
wieder an das Reich Gottes gedacht werde, mit anderen Worten, daß neben dem
politischen und sonstigen an die gemeine Wirklichkeit gebundenen Interesse auch
die reine Wissenschaft, die freie vernünftige Welt des Geistes wieder
emporblühe.
Wir werden in der Geschichte der Philosophie sehen, daß in den anderen
europäischen Ländern, worin die Wissenschaften und die Bildung des Verstandes
mit Eifer und Ansehen getrieben, die Philosophie, den Namen ausgenommen, selbst
bis auf die Erinnerung und Ahnung verschwunden und untergegangen ist, daß sie in
der deutschen Nation als eine Eigentümlichkeit sich erhalten hat. Wir haben den
höheren Beruf von der Natur erhalten, die Bewahrer dieses heiligen Feuers zu
sein2, wie der eumolpidischen Familie zu Athen die Bewahrung der eleusinischen
Mysterien, den Inselbewohnern von Samothrake die Erhaltung und Pflegung eines
höheren Gottesdienstes [aufgetragen war], wie früher der Weltgeist die jüdische
Nation [für] das höchste Bewußtsein sich aufgespart hatte, daß er aus ihr als
ein neuer Geist hervorginge. Aber die Not der Zeit, die ich bereits erwähnt, das
Interesse der großen Weltbegebenheiten, hat auch unter uns eine gründliche und
ernste Beschäftigung mit der Philosophie zurückgedrängt und eine allgemeinere
Aufmerksamkeit von ihr weggescheucht. Es ist dadurch geschehen, daß, indem
gediegene Naturen sich zum Praktischen gewandt, Flachheit und Seichtigkeit sich
des großen Worts in der Philosophie bemächtigt und sich breitgemacht haben. Man
kann wohl sagen, daß, seit in Deutschland die Philosophie sich hervorzutun
angefangen hat, es niemals so schlecht um diese Wissenschaft ausgesehen hat als
gerade zu jetziger Zeit, niemals die Leerheit und der Dünkel so auf der
Oberfläche geschwommen und mit solcher Anmaßung in der Wissenschaft gemeint und
getan hat, als ob er die Herrschaft in Händen hätte. Dieser Seichtigkeit
entgegenzuarbeiten, mit zuarbeiten [im] deutschen Ernst, Redlichkeit und
Gediegenheit, und die Philosophie aus der Einsamkeit, in welche sie sich
geflüchtet, hervorzuziehen, dazu dürfen wir dafür halten, daß wir von dem
tieferen Geiste der Zeit aufgefordert werden. Lassen Sie uns gemeinschaftlich
die Morgenröte einer ke die Erhaltung und Pflegung eines höheren Gottesdienstes
[aufgetragen war], wie früher der Weltgeist die jüdische Nation [für] das
höchste Bewußtsein sich aufgespart hatte, daß er aus ihr als ein neuer Geist
hervorginge. Aber die Not der Zeit, die ich bereits erwähnt, das Interesse der
großen Weltbegebenheiten, hat auch unter uns eine gründliche und ernste
Beschäftigung mit der Philosophie zurückgedrängt und eine allgemeinere
Aufmerksamkeit von ihr weggescheucht. Es ist dadurch geschehen, daß, indem
gediegene Naturen sich zum Praktischen gewandt, Flachheit und Seichtigkeit sich
des großen Worts in der Philosophie bemächtigt und sich breitgemacht haben. Man
kann wohl sagen, daß, seit in Deutschland die Philosophie sich hervorzutun
angefangen hat, es niemals so schlecht um diese Wissenschaft ausgesehen hat als
gerade zu jetziger Zeit, niemals die Leerheit und der Dünkel so auf der
Oberfläche geschwommen und mit solcher Anmaßung in der Wissenschaft gemeint und
getan hat, als ob er die Herrschaft in Händen hätte. Dieser Seichtigkeit
entgegenzuarbeiten, mit zuarbeiten [im] deutschen Ernst, Redlichkeit und
Gediegenheit, und die Philosophie aus der Einsamkeit, in welche sie sich
geflüchtet, hervorzuziehen, dazu dürfen wir dafür halten, daß wir von dem
tieferen Geiste der Zeit aufgefordert werden. Lassen Sie uns gemeinschaftlich
die Morgenröte einer schöneren Zeit begrüßen, worin der bisher nach außen
gerissene Geist in sich zurück[zu]kehren und zu sich selbst [zu] kommen vermag
und für sein eigentümliches Reich Raum und Boden gewinnen kann, wo die Gemüter
über die Interessen des Tages sich erheben und für das Wahre, Ewige und
Göttliche empfänglich sind, empfänglich, das Höchste zu betrachten und zu
erfassen.
Wir Älteren, die wir in den Stürmen der Zeit zu Männern gereift sind, können Sie
glücklich preisen, deren Jugend in diese Tage fällt, wo Sie sich der Wahrheit
und der Wissenschaft unverkümmerter widmen können. Ich habe mein Leben der
Wissenschaft geweiht, und es ist mir erfreulich, nun mehr auf einem Standorte
ich zu befinden, wo ich in höherem Maße und in einem ausgedehnteren
Wirkungskreise zur Verbreitung und Belebung des höheren wissenschaftlichen
Interesses mitwirken und zunächst zu Ihrer Einleitung in dasselbe beitragen
kann. Ich hoffe, es wird mir gelingen, Ihr Vertrauen zu verdienen und zu
gewinnen. Zunächst aber - darf ich nichts in Anspruch nehmen, als daß Sie vor
allem nur Vertrauen zu der Wissenschaft und Vertrauen zu sich selbst mitbringen.
Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste
Bedingung der Philosophie. Der Mensch, da er Geist ist, darf und soll sich
selbst des Höchsten würdig achten; von der Größe und Macht seines Geistes kann
er nicht groß genug denken. Und mit diesem Glauben wird nichts so spröde und
hart sein, das sich ihm nicht eröffnete. Das zuerst verborgene und verschlossene
Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand
leisten könnte; es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen
ihm vor Augen legen und zum Genusse geben.
Die Geschichte der Philosophie3 stellt uns die Galerie der edlen Geister dar,
welche durch die Kühnheit ihrer Vernunft in die Natur der Dinge, des Menschen
und in die Natur Gottes gedrungen [sind], uns ihre Tiefe enthüllt und uns den
Schatz der höchsten Erkenntnis erarbeitet haben. Dieser Schatz, dessen wir
selbst teilhaftig werden wollen, macht die Philosophie im Allgemeinen aus; die
Entstehung desselben ist es, was wir in dieser Vorlesung kennen und begreifen
lernen.
Wir treten nun diesem Gegenstande selbst näher. Kurz zum voraus [ist] zu
erinnern, daß [wir] kein Kompendium zugrunde legen; die wir haben, [sind] zu
dürftig; [es herrscht in ihnen ein] zu oberflächlicher Begriff von der
[Philosophie; sie sind] zum privaten Nachlesen [und geben] Anleitung [zum
Gebrauch] der Bücher und besondere Stellen der Alten insbesondere, allgemeine
Übersichten, bestimmte Data4, was bloße Namen betrifft; ferner auch berühmte
Lehrer, die übrigens nicht zum Fortschreiten der Wissenschaft beigetragen
[haben; es sind darin] große Massen [von Einzelheiten] - Angabe der
Jahreszahlen, Namen, Zeit, in der solche Männer gelebt.
Zuerst [geben wir] Zweck und Notwendigkeit [der Geschichte der Philosophie] an,
[d.h. den] Gesichtspunkt, aus welchem die Geschichte der Philosophie überhaupt
zu betrachten ist, [ihr] Verhältnis zur Philosophie selbst.
Folgende Gesichtspunkte [sind hervorzuheben]:
a) Wie kommt es, daß die Philosophie eine Geschichte hat? Deren Notwendigkeit
und Nutzen [ist aufzuzeigen]; man werde aufmerksam u. dgl., lerne die Meinungen
anderer kennen.
b) Die Geschichte [der Philosophie ist] nicht eine Sammlung zufälliger
Meinungen, sondern [ein] notwendiger Zusammenhang, in ihren ersten Anfängen bis
zu ihrer reichen Ausbildung.
a) Verschiedene Stufen.
b) Die ganze Weltanschauung [wird] auf dieser Stufe aus gebildet; aber dies
Detail [ist] von keinem Interesse.
c) Hieraus [ergibt sich] das Verhältnis zur Philosophie selbst.
Bei der Geschichte der Philosophie dränge sich sogleich die Bemerkung auf, daß
sie wohl ein großes Interesse darbietet, wenn ihr Gegenstand in einer würdigen
Ansicht aufgenommen wird, aber daß sie selbst [dann] noch ein Interesse behält,
wenn ihr Zweck verkehrt gefaßt wird. Ja, dieses Interesse kann sogar in dem
Grade an Wichtigkeit zu steigen scheinen, in welchem die Vorstellung von der
Philosophie und von dem, was ihre Geschichte hierfür leiste, verkehrter ist.
Denn aus der Geschichte der Philosophie wird vornehmlich ein Beweis der
Nichtigkeit dieser Wissenschaft gezogen.
Es muß die Forderung als gerecht zugestanden werden, daß eine Geschichte - es
sei von welchem Gegenstande es wolle - die Tatsachen ohne Parteilichkeit, ohne
ein besonderes Interesse und Zweck durch sie geltend machen zu wollen, erzähle.
Mit dem Gemeinplatze einer solchen Forderung kommt man jedoch nicht weit. Denn
notwendig hängt die Geschichte eines Gegenstandes mit der Vorstellung aufs
engste zusammen, welche man sich von demselben macht. Danach bestimmt sich schon
dasjenige, was für ihn für wichtig und zweckmäßig erachtet wird, und die
Beziehung des Geschehenen auf denselben bringt eine Auswahl der zu erzählenden
Begebenheiten, eine Art, sie zu fassen, Gesichtspunkte, unter welche sie
gestellt werden, mit. So kann es geschehen, je nach der Vorstellung, die man
sich von dem macht, was ein Staat sei, daß ein Leser in einer politischen
Geschichteresse darbietet, wenn ihr Gegenstand in einer würdigen Ansicht
aufgenommen wird, aber daß sie selbst [dann] noch ein Interesse behält, wenn ihr
Zweck verkehrt gefaßt wird. Ja, dieses Interesse kann sogar in dem Grade an
Wichtigkeit zu steigen scheinen, in welchem die Vorstellung von der Philosophie
und von dem, was ihre Geschichte hierfür leiste, verkehrter ist. Denn aus der
Geschichte der Philosophie wird vornehmlich ein Beweis der Nichtigkeit dieser
Wissenschaft gezogen.
Es muß die Forderung als gerecht zugestanden werden, daß eine Geschichte - es
sei von welchem Gegenstande es wolle - die Tatsachen ohne Parteilichkeit, ohne
ein besonderes Interesse und Zweck durch sie geltend machen zu wollen, erzähle.
Mit dem Gemeinplatze einer solchen Forderung kommt man jedoch nicht weit. Denn
notwendig hängt die Geschichte eines Gegenstandes mit der Vorstellung aufs
engste zusammen, welche man sich von demselben macht. Danach bestimmt sich schon
dasjenige, was für ihn für wichtig und zweckmäßig erachtet wird, und die
Beziehung des Geschehenen auf denselben bringt eine Auswahl der zu erzählenden
Begebenheiten, eine Art, sie zu fassen, Gesichtspunkte, unter welche sie
gestellt werden, mit. So kann es geschehen, je nach der Vorstellung, die man
sich von dem macht, was ein Staat sei, daß ein Leser in einer politischen
Geschichte eines Landes gerade nichts von dem in ihr findet, was er von ihr
sucht. Noch mehr kann dies bei der Geschichte der Philosophie stattfinden, und
es mögen sich Darstellungen dieser Geschichte nachweisen lassen, in welchen man
alles andere, nur nicht das, was man für Philosophie hält, zu finden meinen
könnte. Bei anderen Geschichten steht die Vorstellung von ihrem Gegenstande
fest, wenigstens seinen Hauptbestimmungen nach, - er sei ein bestimmtes Land,
Volk oder das Menschengeschlecht überhaupt, oder die Wissenschaft der
Mathematik, Physik usf., oder eine Kunst, Malerei usf. Die Wissenschaft der
Philosophie hat aber das Unterscheidende, wenn man will den Nachteil gegen die
anderen Wissenschaften, daß sogleich über ihren Begriff, über das, was sie
leisten solle und könne, die verschiedensten Ansichten stattfinden. Wenn diese
erste Voraussetzung, die Vorstellung von dem Gegenstande der Geschichte nicht
ein Feststehendes ist, so wird notwendig die Geschichte selbst überhaupt etwas
Schwankendes sein und nur insofern Konsistenz erhalten, wenn sie eine bestimmte
Vorstellung voraussetzt, aber sich dann in Vergleichung mit abweichenden
Vorstellungen ihres Gegenstandes leicht den Vorwurf von Einseitigkeit zuziehen.
Jener Nachteil bezieht sich jedoch nur auf eine äußerliche Betrachtung über
diese Geschichtsschreibung; es steht mit ihm aber ein anderer, tieferer Nachteil
in Verbindung. Wenn es verschiedene Begriffe von der Wissenschaft der
Philosophie gibt, so setzt zugleich der wahrhafte Begriff allein in Stand, die
Werke der Philosophen zu verstehen, welche im Sinne desselben gearbeitet haben.
Denn bei Gedanken, besonders bei spekulativen, heißt Verstehen ganz etwas
anderes als nur den grammatischen Sinn der Worte fassen und sie in sich zwar
hinein-, aber nur bis in die Region des Vorstellens aufnehmen. Man kann daher
eine Kenntnis von den Behauptungen, Sätzen oder, wenn man will, von den
Meinungen der Philosophen besitzen, sich mit den Gründen und Ausführungen
solcher Meinungen viel zu tun gemacht haben, und die Hauptsache kann bei allen
diesen Bemühungen gefehlt haben, nämlich das Verstehen der Sätze. Es fehlt daher
nicht an bändereichen, wenn man will gelehrten Geschichten der Philosophie,
welchen die Erkenntnis des Stoffes selbst, mit welchem sie sich so viel zu tun
gemacht haben, abgeht. Die Verfasser solcher Geschichten lassen sich mit Tieren
vergleichen, welche alle Töne einer Musik mit durchgehört haben, an deren Sinn
aber das Eine, die Harmonie dieser Töne, nicht gekommen ist.
Der genannte Umstand macht es wohl bei keiner Wissenschaft so notwendig als bei
der Geschichte der Philosophie, ihr eine Einleitung vorangehen zu lassen und
erst den Gegenstand festzusetzen, dessen Geschichte vorgetragen werden soll.
Denn, kann man sagen, wie soll man einen Gegenstand abzuhandeln anfangen, dessen
Name wohl geläufig ist, von dem man [aber] noch nicht weiß, was er ist. Man
härte bei solchem Verfahren mit der Geschichte der Philosophie keinen anderen
Leitfaden, als dasjenige aufzusuchen und aufzunehmen, dem irgendwo und irgendje
der Name Philosophie gegeben worden ist. In der Tat aber, wenn der Begriff der
Philosophie auf eine nicht willkürliche, sondern wissenschaftliche Weise
festgestellt werden soll, so wird eine solche Abhandlung die Wissenschaft der
Philosophie selbst; denn bei dieser Wissenschaft ist dies das Eigentümliche, daß
ihr Begriff nur scheinbar den Anfang macht und nur die ganze Abhandlung dieser
Wissenschaft der Erweis, ja, kann man sagen, selbst das Finden ihres Begriffes
und dieser wesentlich ein Resultat derselben ist.
In dieser Einleitung ist daher gleichfalls der Begriff der Wissenschaft der
Philosophie, des Gegenstandes ihrer Geschichte vorauszusetzen. Zugleich hat es
jedoch im ganzen mit dieser Einleitung, die sich nur auf die Geschichte der
Philosophie beziehen soll, dieselbe Bewandtnis als mit dem, was soeben von der
Philosophie selbst gesagt worden. Was in dieser Einleitung gesagt werden kann,
ist weniger ein vorher Auszumachendes, als es vielmehr nur durch die Abhandlung
der Geschichte selbst gerechtfertigt und erwiesen werden kann. Diese vorläufigen
Erklärungen können nur aus diesem Grunde nicht unter die Kategorie von
willkürlichen Voraussetzungen gestellt werden. Sie aber, welche ihrer
Rechtfertigung nach wesentlich Resultate sind, voran zustellen, kann nur das
Interesse haben, welches eine voraus geschickte Angabe des allgemeinsten Inhalts
einer Wissenschaft überhaupt haben kann. Sie muß dabei dazu dienen, viele Fragen
und Forderungen abzuweisen, die man aus gewöhnlichen Vorurteilen an eine solche
Geschichte machen könnte.
Das Erste wird sein, die Bestimmung der Geschichte der Philosophie zu erörtern,
woraus sich [die] Folgen für ihre Behandlungsweise ergeben werden.
Zweitens muß aus dem Begriffe der Philosophie näher bestimmt werden, was aus dem
unendlichen Stoffe und den vielfachen Seiten der geistigen Bildung der Völker
von der Geschichte der Philosophie auszuschließen ist. Die Religion ohnehin und
die Gedanken in ihr und über sie, insbesondere in Gestalt von Mythologie, liegen
schon durch ihren Stoff, so wie die übrige Ausbildung der Wissenschaften durch
ihre Form, der Philosophie so nahe, daß zunächst die Geschichte dieser
Wissenschaft der Philosophie von ganz unbestimmtem Umfange werden zu müssen
scheint. Wenn nun das Gebiet derselben gehörig bestimmt worden, so gewinnen wir
zu gleich den Anfangspunkt dieser Geschichte, der von den Anfängen religiöser
Anschauungen und gedankenvoller Ahnungen zu unterscheiden ist.
Aus dem Begriffe des Gegenstandes selbst muß sich drittens die Einteilung dieser
Geschichte als in notwendige Perioden ergeben - eine Einteilung, welche dieselbe
als ein organisch; fortschreitendes Ganzes, als einen vernünftigen Zusammenhang
zeigen muß, wodurch allein diese Geschichte selbst die Würde einer Wissenschaft
erhält.
A. Bestimmung der Geschichte der Philosophie
Über das Interesse dieser Geschichte können der Betrachtung vielerlei Seiten
beigehen. Wenn wir es in seinem Mittelpunkt erfassen wollen, so haben wir ihn in
dem wesentlichen Zusammenhang dieser scheinbaren Vergangenheit zu suchen mit der
gegenwärtigen Stufe, welche die Philosophie erreicht hat. Daß dieser
Zusammenhang nicht eine der äußerlichen Rücksichten ist, welche bei der
Geschichte dieser Wissenschaft in Betrachtung genommen werden können, sondern
vielmehr die innere Natur ihrer Bestimmung ausdrückt, daß die Begebenheiten
dieser Geschichte zwar wie alle Begebenheiten sich in Wirkungen fortsetzen, aber
auf eine eigentümliche Weise produktiv sind, dies ist es, was hier näher
auseinandergesetzt werden soll.
Was die Geschichte der Philosophie uns darstellt, ist die Reihe der edlen
Geister, die Galerie der Heroen der denkenden Vernunft, welche kraft dieser
Vernunft in das Wesen der Dinge, der Natur und des Geistes, in das Wesen Gottes
eingedrungen sind und uns den höchsten Schatz, den Schatz der Vernunfterkenntnis
erarbeitet haben. Die Begebenheiten und Handlungen dieser Geschichte sind
deswegen zugleich von der Art, daß in deren Inhalt und Gehalt nicht sowohl die
Persönlichkeit und der individuelle Charakter eingeht - wie dagegen in der
politischen Geschichte das Individuum nach der Besonderheit seines Naturells,
Genies, seiner Leidenschaften, der Energie oder Schwäche seines Charakters,
überhaupt nach dem, wodurch es dieses Individuum ist, das Subjekt der Taten und
Begebenheiten ist -, als hier vielmehr die Hervorbringungen um so vortrefflicher
sind, je weniger auf das besondere Individuum die Zurechnung und das Verdienst
fällt, je mehr sie dagegen dem freien Denken, dem allgemeinen Charakter des
Menschen als Menschen angehören, je mehr dies eigentümlichkeitslose Denken
selbst das produzierende Subjekt ist.
Diese Taten des Denkens scheinen zunächst, als geschichtlich, eine Sache der
Vergangenheit zu sein und jenseits unserer Wirklichkeit zu liegen. In der Tat
aber, was wir sind, sind wir zugleich geschichtlich, oder genauer: wie in dem,
was in dieser Region, der Geschichte des Denkens [sich findet,] das Vergangene
nur die eine Seite ist, so ist in dem, was wir sind, das gemeinschaftliche
Unvergängliche unzertrennt mit dem, daß wir geschichtlich sind, verknüpft. Der
Besitz an selbstbewußter Vernünftigkeit, welcher uns, der jetzigen Welt
angehört, ist nicht unmittelbar entstanden und nur aus dem Boden der Gegenwart
gewachsen, sondern es ist dies wesentlich in ihm, eine Erbschaft und näher das
Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergegangenen Generationen des
Menschengeschlechts zu sein. So gut als die Künste des äußerlichen Lebens, die
Masse von Mitteln und Geschicklichkeiten, die Einrichtungen und Gewohnheiten des
geselligen und des politischen Zusammenseins ein Resultat von dem Nachdenken,
der Erfindung, den Bedürfnissen, der Not und dem Unglück, dem Wollen und
Vollbringen der unserer Gegenwart vorhergegangenen Geschichte sind, so ist das,
was wir in der Wissenschaft und näher in der Philosophie sind, gleichfalls der
Tradition zu verdanken, die hindurch durch alles, was vergänglich ist und was
daher vergangen ist, sich als, wie sie Herder genannt hat, eine heilige Kette
schlingt und [das,] was die Vorwelt vor sich gebracht hat, uns erhalten und
überliefert hat.
Diese Tradition ist aber nicht nur eine Haushälterin, die nur Empfangenes treu
verwahrt und es so den Nachkommen unverändert überliefert. Sie ist nicht ein
unbewegtes Steinbild, sondern lebendig und schwillt als ein mächtiger Strom, der
sich vergrößert, je weiter er von seinem Ursprunge aus vorgedrungen ist.
Der Inhalt dieser Tradition ist das, was die geistige Welt hervorgebracht hat,
und der allgemeine Geist bleibt nicht stille stehen. Mit dem allgemeinen Geiste
aber ist es wesentlich, mit dem wir es hier zu tun haben. Bei einer einzelnen
Nation mag es wohl der Fall sein, daß ihre Bildung, Kunst, Wissenschaft, ihr
geistiges Vermögen überhaupt statarisch wird, wie dies etwa bei den Chinesen
z.B. der Fall zu sein scheint, die vor zweitausend Jahren in allem so weit mögen
gewesen sein als jetzt. Der Geist der Welt aber versinkt nicht in diese
gleichgültige Ruhe. Es beruht dies auf seinem einfachen Begriff. Sein Leben ist
Tat. Die Tat hat einen vorhandenen Stoff zu ihrer Voraussetzung, auf welchen sie
gerichtet ist und den sie nicht etwa bloß vermehrt, durch hinzugefügtes Material
verbreitert, sondern wesentlich bearbeitet und umbildet. Dies Erben ist zugleich
Empfangen und Antreten der Erbschaft; und zugleich wird sie zu einem Stoffe
herabgesetzt, der vom Geiste metamorphosiert wird. Das Empfangene ist auf diese
Weise verändert und bereichert worden und zugleich erhalten.
Dies ist ebenso unsere und jedes Zeitalters Stellung und Tätigkeit, die
Wissenschaft, welche vorhanden ist, zu fassen und sich ihr anzubilden, und
ebendarin sie weiterzubilden und auf einen höheren Standpunkt zu erheben. Indem
wir sie uns zu eigen machen, machen wir aus ihr etwas Eigenes gegen das, was sie
vorher war.
In dieser Natur des Produzierens, eine vorhandene geistige Welt zur
Voraussetzung zu haben und sie in der Aneignung umzubilden, liegt es denn, daß
unsere Philosophie wesentlich nur im Zusammenhange mit vorhergehender zur
Existenz gekommen und daraus mit Notwendigkeit hervorgegangen ist; und der
Verlauf der Geschichte ist es, welcher uns nicht das Werden fremder Dinge,
sondern dies unser Werden, das Werden unserer Wissenschaft darstellt.
Von der Natur des hier angegebenen Verhältnisses hängen die Vorstellungen und
Fragen ab, welche über die Bestimmung der Geschichte der Philosophie vorschweben
können. Die Einsicht in dasselbe gibt zugleich den näheren Aufschluß über5 den
subjektiven Zweck, durch das Studium der Geschichte dieser Wissenschaft in die
Kenntnis dieser Wissenschaft selbst eingeleitet zu werden. Es liegen ferner die
Bestimmungen für die Behandlungsweise dieser Geschichte in jenem Verhältnisse,
dessen nähere Erörterung daher ein Hauptzweck dieser Einleitung sein soll. Es
muß dazu freilich der Begriff dessen, was die Philosophie beabsichtigt,
mitgenommen, ja vielmehr zugrunde gelegt werden; und da, wie schon erwähnt, die
wissenschaftliche Auseinandersetzung dieses Begriffs hier nicht ihre Stelle
finden kann, so kann auch die vorzunehmende Erörterung nur den Zweck haben,
nicht die Natur dieses Werdens begreifend zu beweisen, sondern vielmehr es zur
vorläufigen Vorstellung zu bringen. Der Gedanke, der uns bei einer Geschichte
der Philosophie zunächst entgegenkommen kann, ist, daß sogleich dieser
Gegenstand selbst einen inneren Widerstreit enthalte. Denn die Philosophie
beabsichtigt das zu erkennen, was unvergänglich, ewig, an und für sich ist; ihr
Ziel ist die Wahrheit. Die Geschichte aber erzählt solches, was zu einer Zeit
gewesen, zu einer anderen aber verschwunden und durch anderes verdrängt worden
ist. Gehen wir davon aus, daß die Wahrheit ewig ist, so fällt sie nicht in die
Sphäre des Vorübergehenden und hat keine Geschichte. Wenn sie aber eine
Geschichte hat, und indem die Geschichte dies ist, uns nur eine Reihe
vergangener Gestalten der Erkenntnis darzustellen, so ist in ihr die Wahrheit
nicht zu finden; denn die Wahrheit ist nicht ein Vergangenes.
Man könnte sagen, dies allgemeine Räsonnement würde ebensogut
nicht nur die anderen Wissenschaften, sondern auch die christliche Religion
selbst treffen, und es widersprechend finden, daß es eine Geschichte dieser
Religion und der anderen Wissenschaften geben solle; es wäre aber überflüssig,
dies Räsonnement für sich selbst weiter zu untersuchen, denn es sei schon durch
die Tatsachen, daß es solche Geschichten gebe, unmittelbar widerlegt. Es muß
aber, um dem Sinne jenes Widerstreits näherzukommen, ein Unterschied gemacht
werden zwischen der Geschichte der äußeren Schicksale einer Religion oder einer
Wissenschaft und der Geschichte eines solchen Gegenstands selbst. Und dann ist
in Betracht zu nehmen, daß es mit der Geschichte der Philosophie um der
besonderen Natur ihres Gegenstandes willen eine andere Bewandtnis hat als mit
den Geschichten anderer Gebiete. Es erhellt sogleich, daß der angegebene
Widerstreit nicht jene äußere Geschichte, sondern nur die innere, die des
Inhaltes selbst treffen könnte. Das Christentum hat eine Geschichte seiner
Ausbreitung, der Schicksale seiner Bekenner usf.; und indem es seine Existenz zu
einer Kirche erbaut hat, so ist die[se] selbst [als] eine solche äußeres Dasein,
welches in den mannigfaltigsten zeitlichen Berührungen begriffen, mannigfaltige
Schicksale und wesentlich eine Geschichte hat. Was aber die christliche Lehre
selbst betrifft, so ist zwar auch diese als solche nicht ohne Geschichte; aber
sie hat notwendig bald ihre Entwicklung erreicht und ihre bestimmte Fassung
gewonnen, und dies alte Glaubensbekenntnis hat zu jeder Zeit gegolten und soll
noch jetzt unverändert als die Wahrheit gelten, wenn [auch] dies Gelten nunmehr
nichts als ein Schein und die Worte eine leere Formel der Lippen wäre. Der
weitere Umfang der Geschichte dieser Lehre aber enthält nur zweierlei:
einerseits die mannigfaltigsten Zusätze und Abirrungen von jener festen Wahrheit
und andererseits die Bekämpfung dieser Verirrungen und die Reinigung der
gebliebenen Grundlage von den Zusätzen und die Rückkehr zu ihrer Einfachheit.
Eine äußerliche Geschichte wie die Religion haben auch die anderen
Wissenschaften, ingleichen die Philosophie. Sie hat eine Geschichte ihres
Entstehens, Verbreitens, Blühens, Verkommens, Wiederauflebens, eine Geschichte
ihrer Lehrer, Beförderer, auch Bekämpfer, ingleichen auch eines äußeren
Verhältnisses häufiger zur Religion, zuweilen auch zum Staate. Diese Seite ihrer
Geschichte gibt gleichfalls zu interessanten Fragen Veranlassung, unter anderen
[zu der], was es mit der Erscheinung für eine Bewandtnis habe, daß die
Philosophie, wenn sie die Lehre der absoluten Wahrheit [sei], sich auf eine im
ganzen geringe Anzahl von Individuen, auf besondere Völker, auf besondere
Zeitperioden beschränkt gezeigt habe; wie gleicher Weise in Ansehung des
Christentums der Wahrheit in einer viel allgemeineren Gestalt, als sie in der
philosophischen Gestalt ist, die Schwierigkeit gemacht worden ist, ob es nicht
einen Widerspruch in sich enthalte, daß diese Religion so spät in der Zeit
hervorgetreten und so lange und selbst noch gegenwärtig auf besondere Völker
eingeschränkt geblieben sei. Diese und andere dergleichen Fragen aber sind
bereits viel speziellere, als daß sie nur von dem angeregten allgemeineren
Widerstreit abhängen; und erst wenn wir von der eigentümlichen Natur der
philosophischen Erkenntnis mehr werden berührt haben, können wir auf die Seiten
mehr eingehen, die sich mehr auf die äußere Existenz und äußere Geschichte der
Philosophie beziehen.
Was aber die Vergleichung der Geschichte der Religion mit der Geschichte der
Philosophie in Ansehung des inneren Inhaltes betrifft, so wird der letzteren
nicht wie der Religion eine von Anfang an festbestimmte Wahrheit als Inhalt
zugestanden, der als unveränderlich der Geschichte entnommen wäre. Der Inhalt
des Christentums aber, der die Wahrheit ist, ist als solcher unverändert
geblieben und hat darum keine oder so gut als keine Geschichte weiter.6 Bei der
Religion fällt daher der berührte Widerstreit nach der Grundbestimmung, wodurch
sie Christentum ist, hinweg. Die Verirrungen aber und Zusätze machen keine
Schwierigkeit; sie sind ein Veränderliches und ihrer Natur nach ganz ein
Geschichtliches.
Die anderen Wissenschaften zwar haben auch dem Inhalte nach eine Geschichte. Sie
enthält zwar auch einen Teil, welcher Veränderungen desselben, Aufgeben von
Sätzen, die früher gegolten haben, zeigt. Allein ein großer, vielleicht der
größere Teil des Inhalts ist von der Art, daß er sich erhalten hat; und das
Neue, was entstanden ist, ist nicht eine Veränderung des früheren Gewinns,
sondern ein Zusatz und Vermehrung desselben. Diese Wissenschaften schreiten
durch eine Juxtaposition fort. Es berichtigt sich wohl manches im Fortschritte
der Mineralogie, Botanik usf. an dem Vorhergehenden; aber der allergrößte Teil
bleibt bestehen und bereichert sich ohne Veränderung durch das Neuhinzukommende.
Bei einer Wissenschaft wie der Mathematik hat die Geschichte, was den Inhalt
betrifft, vornehmlich nur das erfreuliche Geschäft, Erweiterungen zu erzählen,
und die Elementargeometrie z.B. kann in dem Umfang, welchen Euklid dargestellt
hat, von da an als für geschichtslos geworden angesehen werden.
Die Geschichte der Philosophie dagegen zeigt weder das Verharren eines
zusatzlosen, einfacheren Inhalts noch nur den Verlauf eines ruhigen Ansetzens
neuer Schätze an die bereits erworbenen; sondern sie scheint vielmehr das
Schauspiel nur immer sich erneuernder Veränderungen des Ganzen zu geben, welche
zuletzt auch nicht mehr das bloße Ziel zum gemeinsamen Bande haben. Vielmehr ist
es der abstrakte Gegenstand selbst, die vernünftige Erkenntnis, welche
entschwindet, und der Bau der Wissenschaft muß zuletzt mit der leeren Stätte die
Prätention und den eitel gewordenen Namen der Philosophie teilen.
[Ende der Heidelberger Niederschrift]
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