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Die Philosophie (altgriechisch φιλοσοφία, philosophía, wörtlich die „Liebe
zur Weisheit“) hat im Gegensatz zu den einzelnen Wissenschaften keinen
begrenzten Gegenstandsbereich. Allgemein könnte man sie als den Versuch der
kritisch-rationalen Selbstüberprüfung des Denkens bezeichnen, als eine
methodische Reflexion, die sich inhaltlich tendenziell auf eine Gesamtdeutung
der Welt und der menschlichen Existenz richtet. Jeder Versuch, den Begriff
„Philosophie“ zu definieren oder den Bereich der Philosophie näher einzugrenzen,
ist bereits Gegenstand der Philosophie selbst.
Die Anfänge des philosophischen Denkens des Westens im 6. vorchristlichen
Jahrhundert markieren den Beginn der europäischen Geistesgeschichte. In
Abgrenzung zum irrationalen Weltbild des Mythos entfaltete sich in der antiken
Philosophie und Mathematik das systematische und wissenschaftlich orientierte
menschliche Denken. Im Lauf der Jahrhunderte differenzierten sich die
unterschiedlichen Methoden und Disziplinen der Welterschließung und der
Wissenschaften direkt oder mittelbar aus der Philosophie.
Als Kerngebiete der Philosophie können die Logik (als die Wissenschaft vom
folgerichtigen Denken), die Ethik (als die Wissenschaft vom rechten Handeln) und
die Metaphysik (als die Wissenschaft von den ersten Gründen des Seins und der
Wirklichkeit) betrachtet werden; weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis-
und Wissenschaftstheorie, die sich mit den Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns
im Allgemeinen bzw. speziell mit den Erkenntnisweisen der unterschiedlichen
Einzelwissenschaften beschäftigen. In der Philosophie des Geistes und in der
philosophischen Anthropologie werden zur Zeit intensiv aktuelle
interdisziplinäre Fragestellungen diskutiert.
Es gibt Probleme, die sich nicht mit Hilfe der „gewöhnlichen“ Wissenschaften
bearbeiten lassen. Die Fragen etwa nach dem, was „gut“ und „böse“ ist, was
„Gerechtigkeit“ bedeutet, ob es einen Gott gibt, ob der Mensch eine unsterbliche
Seele besitzt oder was der „Sinn des Lebens“ ist. Eine weitere Klasse von Fragen
kann ebenfalls nicht Gegenstand der Wissenschaften sein. So untersucht die
Biologie zwar die Welt des Lebendigen, sie kann aber nicht bestimmen, was das
„Wesen“ des Lebendigen ausmacht, ob und wann lebende Organismen getötet werden
dürfen, oder was das menschliche Leben für Rechte und Pflichten beinhaltet. Mit
Hilfe von Physik und Mathematik können zwar Naturgesetze ausgedrückt werden,
aber die Frage, ob die Natur überhaupt gesetzmäßig ist, kann keine
Naturwissenschaft beantworten. Die Rechtswissenschaften untersuchen und legen
fest, wann etwas im Einklang mit den Gesetzen geschieht: was aber wünschenswerte
Inhalte des Gesetzbuches sein sollten, dies übersteigt ihren Rahmen. Zuletzt
gibt es Probleme, die die Grenzen des Denkens berühren, wie etwa die Frage, ob
die in diesem Moment individuell erlebte Wirklichkeit auch tatsächlich
existiert. In allen solchen Fällen versagen die Erklärungsmodelle der
Einzelwissenschaften. Bei diesen Problemen handelt es sich um philosophische
Fragen.
So hegte etwa der griechische Philosoph Platon bereits vor mehr als zwei
Jahrtausenden Zweifel an dem Bild, das der Mensch von sich selbst und von der
Welt entwickelte. In seinem berühmten Höhlengleichnis[1] reflektierte er unter
anderem die begrenzte Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit des gewöhnlichen
Menschen. Dieser sitzt mit seinesgleichen nebeneinander aufgereiht in einer
Höhle, alle in einer Weise gefesselt, dass sie nur starr geradeaus die
Höhlenwand vor sich betrachten können. Licht gibt ein Feuer, das weit im Rücken
der Menschen im entfernten Teil der Höhle brennt. Zwischen den Menschen und dem
Feuer befindet sich – ebenfalls in ihrem Rücken – eine Mauer, hinter der
verschiedene Gegenstände getragen und bewegt werden, die die Mauer überragen und
den auf ihre Höhlenwand fixierten Menschen als mobile Schatten erscheinen.
Stimmen und Geräusche von dem Treiben hinter der Mauer würden den fixierten
Beobachtern demzufolge ebenfalls als Hervorbringungen der Schatten vor ihren
Augen gelten müssen. - Mit diesem Szenario kontrastiert Platon die uns geläufige
„wirkliche“ Welt im Sonnenlicht außerhalb der Höhle und macht durch diesen
Kunstgriff begreiflich, warum Philosophen die Wahrheit, d. h. die Nähe zur
Wirklichkeit menschlicher Wahrnehmung in Frage stellen.
Die Philosophie behandelt zumeist Sachverhalte, die im Alltag zunächst einmal
völlig selbstverständlich erscheinen: „Du sollst nicht töten“, „Demokratie ist
die beste aller Staatsformen“, „Wahrheit ist, was nachprüfbar stimmt“, „Die Welt
ist, was sich im Universum vorfindet“ oder „Die Gedanken sind frei“. Erst der
Augenblick, in dem solche Überzeugungen, in dem das bisher fraglos Hingenommene
fragwürdig wird, ist der Geburtsmoment der Philosophie. Menschen, denen nichts
fragwürdig erscheint, finden nicht zur Philosophie. Das Sich-Wundern, das
kindliche Staunen, das Unbehagen an der Welt oder an sich selbst: all dies kann
der Beginn philosophischen Denkens sein. Platon formulierte diese ursprüngliche
Neugierde des Menschen:
„Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt,
ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“
– Platon: Theaitetos 155 D
und auch sein Schüler Aristoteles stellte fest:
„Staunen veranlasste zuerst – wie noch heute – die Menschen zum Philosophieren.“
– Aristoteles: Metaphysik I 2, 982 b 12
Anders als Religionen, religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen stützt sich
die Philosophie bei der Bearbeitung der oben genannten „philosophischen“ Fragen
allein auf die Vernunft, d.h. auf rationale Argumentation, die keine weiteren
Voraussetzungen (wie z.B. den Glauben an eine bestimmte zugrundeliegende Lehre)
erfordert.
Was ist Philosophie?
„Philosophie“ lässt sich nicht allgemeingültig definieren, weil jeder, der
philosophiert, eine eigene Sicht der Dinge entwickelt. Daher gibt es annähernd
so viele mögliche Antworten auf die oben gestellte Frage wie Philosophen. Carl
Friedrich von Weizsäcker hat einmal formuliert: „Philosophie ist die
Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.“[2]
Zu den philosophischen Arbeitsfeldern gehört zunächst die Untersuchung von
Methoden, Prinzipien und der Gültigkeit jeglicher Erkenntnisgewinnung wie auch
der Argumente und Theorien auf wissenschaftlicher Ebene. Philosophie kann in
diesem Zusammenhang als Grundlagenwissenschaft verstanden werden. Denn
philosophisches Nachdenken und In-Frage-Stellen hat die Einzelwissenschaften
stets befruchtet und in ihrer Entwicklung gefördert. Die Philosophie stellt
Fragen von einer Art, die Spezialwissenschaften (bisher) nicht beantworten
können, die durch Versuche, Berechnungen oder andere Forschungen mit den
bisherigen Instrumenten nicht zu beantworten sind. Derartige Problemstellungen
können aber das Forschen in eine neue Richtung lenken. So werden mitunter
neuartige Forschungsfragen in den einzelnen Wissenschaften auf den Weg gebracht;
Philosophie leistet folglich über das ureigene Feld hinaus einen Beitrag zur
Hypothesenbildung.
Weitergehende philosophische Bemühungen erstrecken sich auf eine systematische
Ordnung menschlichen Wissens zwecks Herstellung eines in sich schlüssigen
Weltbilds unter Einbeziehung menschlicher Werte, Rechte und Pflichten.
Sinn und Arten des Philosophierens
Viele Menschen betreiben Philosophie um ihrer selbst willen: um sich selbst
und die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen; um ihr Handeln, ihr
Weltbild auf eine gut begründete Basis zu stellen. Wer ernsthaft philosophiert,
stellt kritische Fragen an die ihn umgebende Welt und lässt sich in der Regel
nicht so leicht täuschen oder manipulieren. Das konstruktive Potential der
Philosophie liegt im Hinterfragen der gesellschaftlichen Verhältnisse und im
Herausarbeiten alternativer Modelle ebenso wie in einer Relativierung der
Ansprüche von Wissenschaften und Religionen. Ein selbstbestimmtes und
vernunftbasiertes Leben auf der Grundlage eigenen Nachdenkens (sapere aude!) ist
das Ziel vieler Philosophierender.
Bei dem auf individuellen Nutzen gerichteten Philosophieren sind vor allem zwei
Arten oder Ausrichtungen zu unterscheiden:
Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in
allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen und die Fähigkeit zu sinnvoller
gedanklicher Einordnung alles Begegnenden begünstigen. Es soll gleichsam die
Unerschütterlichkeit des eigenen Verstandes durch das Geschehen in der Welt
bewirken, sodass der Intellekt jede Lebenssituation souverän zu verarbeiten
vermag. Wem von seinen Mitmenschen Weisheit zuerkannt wird, der vermittelt durch
seine Reaktionen und Äußerungen den Eindruck, dass er über solche Souveränität
verfügt.
Demgegenüber legt die Philosophie als Lebensweise den Akzent auf die Umsetzung
der Ergebnisse philosophischer Reflexion in die eigene Lebenspraxis. Auf die
richtige Weise zu leben und den Lebensalltag zu gestalten, setzt hiernach ein in
vertiefter Form eingeübtes und daraus sich entwickelndes richtiges Denken
voraus. Und umgekehrt ist es zur Beglaubigung des philosophischen Denkens nötig,
dass es sich in der Lebensweise erkennbar spiegelt.
Sehr ausgeprägte Anwendungsformen einer philosophisch bestimmten Lebensweise hat
es insbesondere in der Antike gegeben, vor allem in den Reihen der Stoiker, der
Epikureer und der Kyniker. Für das Ideal der Übereinstimmung von Denken und Tun
hat der Kyniker Diogenes von Sinope durch seine von radikaler Enthaltsamkeit
gekennzeichnete Lebensweise Anhängern wie Gegnern dieser Art philosophischer
Ausrichtung ein oft zitiertes Beispiel gegeben. Die Einheit von Theorie und
Praxis wird jedoch auch in der östlichen Philosophie betont.
Diogenes, der seinem philosophischen Denken Ausdruck verlieh, indem er dem
weltlichen Treiben entsagte, zeugt auch davon, dass zum Philosophieren Ruhe und
Muße gehören. (Noch unser Wort „Schule“ geht auf das griechische Wort für Muße
(scholé) zurück.)
Ein großer Gewinn des Philosophierens besteht in der Schulung des Denkens und
des Argumentierens, denn sowohl in methodischer Hinsicht als auch beim
sprachlichen Ausdruck werden im fachlichen Diskurs strenge Anforderungen an die
Philosophierenden gestellt. Das akademische Philosophieren unterscheidet sich
vom alltäglichen Philosophieren nicht prinzipiell durch die Fragen, sondern eher
durch den Rahmen – in der Regel die Universität – und durch bestimmte Formen der
Aus- und Abgrenzung philosophischer Tätigkeit. Es gelten verschiedene
Übereinkünfte über die Formen des Argumentierens und der wissenschaftlichen
Publikation sowie die zugelassene Fachterminologie. Die Tätigkeiten des
akademisch Philosophierenden umfassen dabei die unten genannten Methoden.
Philosophisch gebildete Menschen unterscheiden sich von den übrigen nicht darin,
dass ihnen mehr (nützliches) Wissen zur Verfügung stünde. Ihnen steht allerdings
in der Regel ein besserer Überblick über die Argumente zur Verfügung, die in
einer philosophischen Debatte hinsichtlich eines bestimmten
Diskussionsgegenstands bereits vorgebracht wurden. So kann es etwa hilfreich
sein, bei einem aktuell diskutierten Problem (z. B. Euthanasie) danach zu
fragen, welche Antwortmöglichkeiten die Philosophie in den letzten 2500 Jahren
dazu angeboten hat und wie die Auseinandersetzungen um diese Vorschläge bisher
verlaufen sind. Neben dieser historischen Kenntnis sollte ein ausgebildeter
Philosoph eher in der Lage sein, die prinzipiell vertretbaren Positionen zu
unterscheiden, deren Folgen vorauszusehen sowie Probleme und Widersprüche zu
erkennen.
Weitere Anwendungen und Aufgaben der Philosophie bestehen darin,
die grundlegenden Begriffe, Fragen, Thesen und Positionen, die die einzelnen
Wissenschaften verwenden, zu thematisieren. So fragt die Philosophie etwa, was
den Begriff der „Würde“ ausmacht, wenn er in Diskussionen der
Rechtswissenschaften oder der Soziologie verwendet wird.
die unausgesprochenen Begriffe, Fragen, Thesen und Positionen herauszuarbeiten,
die anderen Wissenschaften zugrunde liegen. So fragt etwa die Ethik: „Was ist
Gerechtigkeit?“ und untersucht dabei auch Begriff, Grundlagen und Bedingungen
der Rechtswissenschaften überhaupt.
die Fragen nach Denkmustern bzw. Denkgewohnheiten vergangener Zeiten zu
beantworten, auf die die überlieferten Artefakte im Museum keine Antworten zu
geben vermögen.
Methoden
Die Methoden der Philosophie umfassen verschiedene geistige Bemühungen.
„Geistige Bemühungen“ kann dabei das Nachspüren von Denkrichtungen,
Denktraditionen und Denkschulen meinen. Um das Denken geht es beim
Philosophieren immer. Denken kann Nach-Denken sein, Analysieren oder
Systematisieren. Intuitive Erkenntnisse, Glaubenswahrheiten und rationale
Argumente werden auf der Grundlage der Lebenswirklichkeit des philosophierenden
Menschen mithilfe der Mittel des vernünftigen, rationalen und kritischen Denkens
überprüft.
Zudem vermag die philosophische Geisteshaltung in einem methodischen Zweifel
radikal alles in Frage zu stellen – sogar die Philosophie selbst. Dabei beginnt
die Philosophie mit jedem Philosophierenden gleichsam wieder bei Null. Es gehört
zur Haltung eines Philosophierenden, auch scheinbar grundlegende oder
alltägliche Gewissheiten in Frage stellen zu können. Menschen, denen sich die
Lebenswirklichkeit nicht auch als Frage oder Problem aufdrängt, erscheint solch
fundamentaler Zweifel nicht selten befremdlich. Über lange Zeiträume gesehen
stellt die Philosophie in zentralen Bereichen immer wieder dieselben
Grundfragen, deren Antwortmöglichkeiten sich prinzipiell ähneln (Philosophia
perennis). Aufgrund der historischen und sozialen Veränderungen der
Lebensumstände und Weltanschauungen werden jeweils neue Formulierungen für die
Antworten auf die Grundfragen des Menschen notwendig. Anders als in den
einzelnen Wissenschaften häufen weder die Philosophie noch die einzelnen
Philosophierenden Wissen an oder verfügen über definitive und allgemein
anerkannte Ergebnisse („Skandal der Philosophie“). Sie sammeln historische
Antworten, reflektieren diese und können dadurch zeitgebundene
Blickwinkelverengungen, wie sie in manchen Spezialwissenschaften anzutreffen
sind, vermeiden. Insofern kann der philosophische Diskurs als ein in sich nicht
abschließbarer Prozess betrachtet werden – als ein kontroverses Gespräch über
die Jahrhunderte hinweg.
Grundsätzlich lassen sich zwei Ansätze bzw. Bereiche des heutigen
„professionellen“ Philosophierens unterscheiden: die historische und die
systematische Vorgehensweise:
Historisch arbeiten Philosophen dann, wenn sie versuchen, die Positionen und
Thesen von Denkern wie z.B. Platon, Thomas von Aquin oder Immanuel Kant zu
rekonstruieren und zu interpretieren. Auch die Herausarbeitung bestimmter
philosophischer Strömungen oder Auseinandersetzungen in der Geschichte gehört
hierzu, ebenso das Verfolgen der Geschichte von Begriffen und Ideen.
Systematisch gehen Philosophen vor, wenn sie versuchen, zu einem bestimmten
Problemfeld Standpunkte auszuarbeiten und zu verteidigen, Fragen innerhalb der
verschiedenen philosophischen Disziplinen zu beantworten oder die offenen bzw.
unausgesprochenen Voraussetzungen einer bestimmten Frage oder Behauptung zu
analysieren; oder wenn sie sich darum bemühen, die in bestimmten Fragen, Thesen
oder Positionen verwendeten Begriffe zu klären. Lautet die Frage etwa: „Hat der
Mensch einen freien Willen?“, so müssen für eine Antwort zunächst die Begriffe
„Willen“, „Freiheit“ und „Mensch“ – vielleicht sogar die Bedeutung von „haben“ –
einer genauen Bedeutungsanalyse unterzogen werden.
Die historischen und die systematischen Herangehensweisen bzw. Bereiche sind
dabei prinzipiell durch das jeweilige Ziel der philosophischen Untersuchungen
voneinander abgrenzbar. Viele Philosophen arbeiten allerdings sowohl historisch
wie systematisch. Beide Ansätze ergänzen einander insofern, als einerseits die
Schriften herausragender philosophischer Autoren auch für aktuelle systematische
Fragen hilfreiche Überlegungen enthalten und andererseits systematische
Ausarbeitungen oft Positionen der Klassiker präzisieren helfen. Außerdem können
in vielen Fällen heutige Fragen nur dann präzise gestellt und beantwortet
werden, wenn der historische Hintergrund für ihr Aufkommen und die seitdem für
die Behandlung des Problems entwickelten Begrifflichkeiten und Lösungsvorschläge
bekannt sind und verstanden werden.
Begriffs- und Wissenschaftsgeschichte [Bearbeiten]
Zum Begriff [Bearbeiten]Der Begriff „Philosophie“, zusammengesetzt aus
altgriech. φίλος (philos) „Freund“ und σοφία (sophia) „Weisheit“, bedeutet
wörtlich „Liebe zur Weisheit“ bzw. einfach „zum Wissen“ – denn sophia
bezeichnete ursprünglich jede Fertigkeit oder Sachkunde, auch handwerkliche und
technische. Das Verb philosophieren taucht erstmals beim griechischen Historiker
Herodot (484-425 v. Chr.) auf (I,30,2), wo es zur Beschreibung des
Wissensdurstes des Athener Staatsmannes Solon (ca. 640-559 v. Chr.) dient. Dass
Heraklit schon den Begriff philosophos verwendete[3], ist nicht anzunehmen. In
der Antike pflegte man die Einführung des Begriffs Philosophie Pythagoras von
Samos zuzuschreiben. Der Platoniker Herakleides Pontikos überlieferte eine
Erzählung, wonach Pythagoras gesagt haben soll, nur ein Gott besitze wahre
sophia, der Mensch könne nur nach ihr streben. Hier ist mit sophia bereits
metaphysisches Wissen gemeint. Die Glaubwürdigkeit dieses - nur indirekt und
fragmentarisch überlieferten - Berichts des Herakleides ist in der Forschung
umstritten. Erst bei Platon tauchen die Begriffe Philosoph und philosophieren
eindeutig in diesem von Herakleides gemeinten Sinne auf, insbesondere in Platons
Dialog Phaidros (278d), wo festgestellt wird, dass das Streben nach Weisheit
(das Philosophieren) und Besitz der Weisheit sich ausschließen und letzterer nur
Gott zukomme.
Philosophie wurde im Laufe ihrer Geschichte als Streben nach dem Guten, Wahren
und Schönen (Platon) oder nach Weisheit, Wahrheit und Erkenntnis (Hobbes, Locke,
Berkeley) definiert. Sie forsche nach den obersten Prinzipien (Aristoteles) und
ziele auf den Erwerb wahren Wissens (Platon). Sie ringe um die Erkenntnis aller
Dinge, auch der unsichtbaren (Paracelsus), sei Wissenschaft aller Möglichkeit
(Wolff) und vom Absoluten (Fichte, Schelling, Hegel). Sie ordne und verbinde
alle Wissenschaft (Kant, Mach, Wundt), stelle die „Wissenschaft aller
Wissenschaften“ dar (Fechner). Die Analyse, Bearbeitung und exakte Bestimmung
von Begriffen stehe in ihrem Mittelpunkt (Sokrates, Kant, Herbart). Philosophie
sei jedoch zugleich auch die Kunst, sterben zu lernen (Platon), sei normative
Wertlehre (Windelband), das vernunftgemäße Streben nach Glückseligkeit (Epikur,
Shaftesbury) bzw. das Streben nach Tugend und Tüchtigkeit (Aristoteles, Stoa).
Aus europäischer Sicht verbindet sich der Begriff Philosophie mit den Ursprüngen
im antiken Griechenland. Die gleichfalls jahrtausendealten asiatischen
Denktraditionen (östliche Philosophie) werden oftmals übersehen oder
unterschätzt. Auch religiöse Weltanschauungen gehören zur Philosophie, insoweit
ihre Vertreter nicht theologisch, sondern philosophisch argumentieren.
Fachwissenschaft und Selbstverständnis
Das Selbstverständnis der Philosophie als Wissenschaft hat sich im Laufe
ihrer Geschichte immer wieder gewandelt. Die ersten griechischen Philosophen bis
etwa zur Zeit von Sokrates und Platon verstanden ihre Tätigkeit als
vernunftgelenktes Erkenntnisstreben im Unterschied zum bloßen Übernehmen eines
mythischen Weltbilds und religiöser Traditionen. Einerseits emanzipierte sich so
das Denken vom Mythos, andererseits wurden die Mythen in der Regel nicht
grundsätzlich verworfen. Die Philosophen bedienten sich ihrer gern und nutzten
dichterische Ausdrucksmittel, um ihre Lehren zu verbreiten.
Während Sokrates und seine Schüler das Erkenntnisstreben als Selbstzweck
betrachteten, boten die Sophisten ihren Unterricht gegen Entgelt an. Für manche
Sophisten ging es dabei vor allem um die Kunst, in einer Debatte mit
rhetorischen Mitteln und logischen Kunstgriffen einen Gegner zu besiegen. Ihr
Ziel war es, notfalls auch mit Tricks (Sophismen), „die schwächere Seite zur
stärkeren zu machen“ (vgl. Eristik).
Nachdem sich das Christentum in der Spätantike durchgesetzt hatte, war
Philosophie für viele Jahrhunderte nur noch auf der Basis des damaligen
religiösen Weltbilds möglich; sie durfte nicht mit den Grundannahmen der
christlichen Theologie in Konflikt geraten. Eine analoge Begrenzung bestand auch
im Islam und im Judentum. In Westeuropa dominierte daher lange Zeit das Bild der
Philosophie als einer „Magd der Theologie“ (ancilla theologiae), also einer
Hilfswissenschaft, die die göttlichen Offenbarungen mit rationalen Argumenten
stützen sollte.
An den im Mittelalter neu entstehenden Universitäten wurde die Philosophie zu
einem grundlegenden („propädeutischen“) Lehrfach. Der Kern des Studiums war
durch die so genannten Artes liberales bestimmt, zu denen „Grammatik“,
„Dialektik“, „Rhetorik“ sowie „Geometrie“, „Arithmetik“, „Astronomie“ und
„Musik“ gehörten. Ein erster Abschluss in diesem studium generale an der so
genannten Artistenfakultät war notwendig, um die „höheren“ Studien in Medizin,
Recht und Theologie aufnehmen zu können. (Aus dieser Tradition stammen noch
heute die Bezeichnungen der akademischen Grade des B.A., M.A., Ph.D. bzw. Dr.
phil.).
In Westeuropa führte im 13. Jahrhundert die verstärkte Auseinandersetzung mit
der Philosophie des Aristoteles zu höherer Eigenständigkeit der Philosophie,
welche die Grenzen der artes-Disziplinen überschritt. Zahlreiche Philosophen und
Theologen wie Albert der Große und Thomas von Aquin versuchten, Anschluss an die
Aristotelesrezeption des Ostens zu halten und die aristotelische Philosophie mit
den Lehren der katholischen Kirche zu einer in sich geschlossenen Gesamtdeutung
der Wirklichkeit zusammenzuführen. Eine solche Synthese legte etwa Thomas in der
Summa theologica vor. Unabhängig davon kam es schon seit dem 12. Jahrhundert zu
einer neuen Hochschätzung des Erfahrungswissens, die eine Voraussetzung für die
Entstehung des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Denkens und der
experimentellen Vorgehensweise bildete.
Seit der Renaissance überschritt die Philosophie zunehmend die Grenzen, die die
Theologie ihr gesetzt hatte. Die Philosophen scheuten sich nicht mehr, Ansichten
zu vertreten, die mit kirchlichen Lehren oder sogar mit dem Christentum
unvereinbar waren. Seit den Zeiten des Renaissance-Humanismus und der Aufklärung
setzte sich die Philosophie bis in die Gegenwart hinein kritisch mit der
Religion auseinander, grenzte sich von ihr ab und betrachtete sich ihr oft als
überlegen. Es gab aber auch stets zahlreiche Philosophen, die großen Wert darauf
legten, dass ihre Positionen mit ihren religiösen Überzeugungen in vollem
Einklang stehen.
Vor allem in bestimmten Phasen der Neuzeit wurde die Philosophie als eine allen
Einzelwissenschaften übergeordnete Universalwissenschaft begriffen, die, um die
Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen und zu den letzten Ursachen und Prinzipien
vorzudringen, ewiggültige, allgemeine Wahrheiten aufdeckt und zugänglich macht
(Philosophia perennis). Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb die
Philosophie eine der klassischen vier Fakultäten. Weiterhin war eine
grundlegende Ausbildung in Philosophie erforderlich, bevor sich die Studenten z.
B. naturwissenschaftlichen Fragen und Forschungen zuwenden durften. An einigen
traditionsbewussten Universitäten ist ein „Philosophicum“ im Grundstudium bis
heute für alle Studenten Pflicht.
Im 19. Jahrhundert begann eine zunehmende Verselbstständigung zunächst der
Naturwissenschaften und später auch der philologischen und der
gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Die philosophischen Lehrstühle gerieten
in der Folge in ihrer inhaltlichen Ausrichtung zunehmend unter den
Spezialisierungsdruck der sich verselbständigenden Fachwissenschaften. In der
Moderne verblieb der Philosophie zeitweise nur die Aufgabe der Reflexion der
Fachwissenschaften und die Diskussion über deren Voraussetzungen.
Die moderne Fachwissenschaft Philosophie zieht ihre Rechtfertigung aus dem
Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und
Praxisgebiete hilfreich sein. Darüber hinaus betrachten die Philosophen die
Erörterung ethischer Themen und Grundsatzfragen als ihr ureigenes Gebiet. Die
Universitäten sind in ihrem Selbstverständnis gegenwärtig durch die Vermittlung
der traditionellen philosophischen Disziplinen Logik, Ethik, Erkenntnistheorie,
Wissenschaftstheorie und Philosophiegeschichte im Rahmen der Lehrerausbildung
geprägt. So findet der Diskurs der Philosophie an den Universitäten häufig
abgetrennt nicht nur von der Religion, sondern auch von den
Sozialwissenschaften, von Literatur und Kunst weitgehend als theoretische
Philosophie mit einer starken Betonung von Wissenschaftstheorie, Sprachanalyse
und Logik statt. Dennoch gibt es auch in der „Fachwissenschaft Philosophie“
immer wieder Impulse, an öffentlichen Debatten der Gegenwart teilzunehmen und
Stellung zu beziehen z.B. zu ethischen Fragen der Verwendung von Technik, zur
Ökologie, zur Genetik, zu medizinischen Problemen oder zu solchen der
interkulturellen Philosophie.
Neben der universitären Philosophie gab es jedoch auch immer eigenständige
Denker außerhalb der Institutionen. Seitdem die Aufklärer Voltaire, Rousseau und
Diderot (als Impulsgeber der Enzyklopädie mit dem Ziel der Aufklärung durch
Wissen) in Frankreich philosophes genannt wurden, verstand man darunter in der
Tradition von Montaigne allgemein auch gelehrte Schriftsteller, die sich über
populäre, also über Themen von allgemeinem öffentlichen Interesse äußerten – so
auch Universalgelehrte wie Goethe und Schiller. Denkern des 18. und 19.
Jahrhunderts wie Adam Smith, Abraham Lincoln, Jean Paul, Friedrich Nietzsche,
Emile Zola, Leo Tolstoj, Karl Marx, Sigmund Freud oder Søren Kierkegaard war
gemeinsam, dass sie allesamt nicht an eine Universität angebunden waren und
keine akademische Schul-Philosophie betrieben. Dennoch gingen von ihnen in der
Öffentlichkeit viel beachtete philosophische Impulse aus und sie reflektierten
die Philosophiegeschichte eigenständig – vergleichbar mit in der Gegenwart viel
gelesenen Denkern wie Paul Watzlawick, Umberto Eco oder Peter Sloterdijk.
Eine recht junge Entwicklung ist die Einrichtung von Philosophischen Praxen, die
eine Alternative zu anderen gesellschaftlichen Beratungs- und
Orientierungsmöglichkeiten anbieten wollen.
Philosophische Disziplinen
Die Philosophie wird üblicherweise in einen theoretischen und einen
praktischen Gegenstandsbereich unterteilt. Die theoretische Philosophie
untersucht dabei die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen
Erkenntnisvermögens und die allgemeinen Strukturen des menschlichen
Bewusstseins. Außerdem sind allgemeingültige Aussagen über das Sein Gegenstand
des philosophischen Denkens. Disziplinen sind u. a. Ontologie, Metaphysik,
Logik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Die praktische Philosophie
beschäftigt sich hingegen mit dem Bereich menschlichen Handelns. Disziplinen
sind u. a. Ethik, Rechtsphilosophie, politische Philosophie und
Sozialphilosophie.
Auch wenn sich der Bereich, den die Philosophie insgesamt umfasst, in gewissem
Sinne nicht eingrenzen lässt (da sie „alles“ behandelt), gibt es doch bestimmte
Domänen, in denen sie hauptsächlich tätig ist. Der Philosoph Immanuel Kant hat
diese einmal in den folgenden Fragen zusammengefasst:[4]
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?
Etwas weniger allgemein gestellt, können diese Fragen ungefähr so lauten:
Wie können wir zu Erkenntnis gelangen und wie sind diese Erkenntnisse
einzuschätzen? (Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Logik)
Wie sollen wir handeln? (Ethik)
Was ist die Welt? Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Gibt
es einen Gott? Steuert die Geschichte auf ein Ziel zu und wenn ja auf welches?
(Metaphysik, Religions- und Geschichtsphilosophie)
Was sind wir für Wesen? In welchem Verhältnis stehen wir zu der Welt, die wir
vorfinden? (Philosophische Anthropologie, Kultur- und Sozialphilosophie,
Ästhetik)
Im Folgenden werden einige der wichtigsten philosophischen Disziplinen
vorgestellt, die sich dieser Fragen annehmen. Die vorgestellte Reihenfolge
orientiert sich dabei an der traditionellen Unterscheidung zwischen der
theoretischen und praktischen Philosophie, ergänzt durch die
wissenschaftsübergreifenden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.
Theoretische Philosophie [Bearbeiten]Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik
streiten gleichermaßen um die Krone der obersten philosophischen Disziplin. Alle
drei beanspruchen mehr oder weniger, die letzten und unhintergehbaren Grundlagen
allen Denkens und aller Wahrheit, d. h. die fundamentalsten Gesetze und
Strukturen der Wirklichkeit darstellen zu können.
Logik
Die Logik beschäftigt sich nicht mit konkreten Inhalten, sondern mit den
Gesetzmäßigkeiten der Folgerichtigkeit. Sie fragt, auf Grundlage welcher Regeln
aus bestimmten Voraussetzungen („Prämissen“) bestimmte Schlussfolgerungen
(„Konklusionen“) gezogen oder nicht gezogen werden können (vgl. Fehlschlüsse).
Insofern thematisiert sie die Grundlage aller auf Argumenten basierenden Arten
von Wissenschaft.
In früheren Zeiten wurde der Ausdruck „Logik“ in weiterer Bedeutung verwendet
als heute. Typisch ist das Beispiel der Logik der Stoa. Diese umfasste auch den
Bereich, der heute Erkenntnistheorie genannt wird, sprachphilosophische Probleme
sowie die Rhetorik. Ganz ähnlich gilt dies noch für viele Logikbücher bis ins
frühe 20. Jahrhundert.
In der modernen Philosophie bezeichnet Logik als Wissenschaft des korrekten
Folgerns nur noch die formale Logik, die auch Teilgebiete von Mathematik und
Informatik schneidet. Inwieweit sich Logik auch auf nicht-mathematische Gebiete
ausdehnt (z. B. Argumentationstheorie, Sprechakttheorie) ist hingegen
umstritten.
Zu den wichtigsten Logikern der Philosophiegeschichte zählen Aristoteles,
Chrysipp, Johannes Buridanus, Gottlob Frege, Charles Sanders Peirce, Bertrand
Russell mit Alfred N. Whitehead, Kurt Gödel und Alfred Tarski.
Erkenntniskritik und Erkenntnistheorie
Seit der „Kopernikanischen Wende“ in der Philosophie durch Immanuel Kant
stellt die Erkenntniskritik für viele Philosophen deren fundamentale Disziplin
dar. Sie untersucht die grundsätzlichen Voraussetzungen, Möglichkeiten und
Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Anders als die Erkenntnistheorie, die auch
das Zustandekommen und den Verlauf der menschlichen Erkenntnistätigkeit
untersucht, behandelt die Erkenntniskritik nur die „Bedingungen der Möglichkeit
der Erkenntnis“.
Die Erkenntnistheorie insgesamt fragt allgemein nach der Möglichkeit, Wissen zu
erlangen und zu sichern. So befasst sie sich etwa mit den Problemen, wie sich
die Wahrheit oder Falschheit von Theorien überprüfen lassen. Die Wahrnehmung der
Wirklichkeit stellt sie ebenso auf den Prüfstand, wie den Einfluss von Sprache
und Denken auf den Erkenntnisvorgang. Außerdem versucht sie, die Grenzen der
Erkenntnis abzustecken und zu definieren, was prinzipiell als „wissenschaftlich“
bezeichnet werden kann.
Wichtige Erkenntistheoretiker waren u. a. Platon, Aristoteles, René Descartes,
John Locke, David Hume, Immanuel Kant, Auguste Comte, Edmund Husserl und Ludwig
Wittgenstein.
Die Wissenschaftstheorie ist eng verbunden mit der Erkenntnistheorie und
analysiert bzw. postuliert die Voraussetzungen, Methoden und Ziele von
Wissenschaft. Sie legt vor allem die Kriterien für die Begriffe „Wissenschaft“
und „wissenschaftlich“ fest und grenzt sie damit von Para- und
Pseudowissenschaften ab. Dazu gehören grundlegende, nicht durch die
Einzelwissenschaften selbst zu rechtfertigende methodische Vorgaben. Die
Notwendigkeit der Wiederholbarkeit von Experimenten, das Ökonomieprinzip
(„Ockhams Rasiermesser“) und das Prinzip der Falsifizierbarkeit als
Voraussetzung für sinnvolle wissenschaftliche Aussagen sind klassischerweise
Bestandteile dieser Grundaxiome.
Weiterhin beschäftigt sich die Wissenschaftstheorie mit dem Verhältnis zwischen
wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Konzepten von Wahrheit bzw.
Wirklichkeit. Auch die mögliche Einteilung und Ordnung des menschlichen Wissens
in Gebiete und ihre Hierarchisierung, sowie die Untersuchungen der Prinzipien
des wissenschaftlichen Fortschreitens (vgl. Paradigmenwechsel) gehören zu ihrem
Aufgabenbereich.
Wichtige Vertreter der Wissenschaftstheorie sind z. B. Aristoteles, Francis
Bacon, Rudolf Carnap, Karl Popper, Thomas Kuhn, Paul Feyerabend und Hilary
Putnam.
Metaphysik und Ontologie
Die Metaphysik bildete fast die vollständige Geschichte der Philosophie
hindurch ihren eigentlichen Kern. Sie versucht die gesamte Wirklichkeit, wie sie
uns erscheint, in einen sinnvollen Zusammenhang - oft auch in ein universelles
System - zu bringen. Sie untersucht die Fundamente und allgemeinen Strukturen
der Welt und stellt die „letzten Fragen“ nach dem Sinn und Zweck allen Seins.
Traditionell wird die Metaphysik in einen generellen und einen speziellen Zweig
geteilt. Die generelle Metaphysik ist die Ontologie, welche die Frage nach den
Grundstrukturen alles Seienden und dem Sein stellt. Die spezielle Metaphysik
teilt sich in drei Disziplinen auf, die folgende Fragen stellen:
nach der Existenz Gottes und seinen möglichen Eigenschaften (rationale bzw.
natürliche Theologie);
nach der Möglichkeit einer unsterblichen Seele und eines freien Willens sowie
nach Unterschieden zwischen Geist und Materie und der Möglichkeit eines freien
Willens (rationale Psychologie);
nach der Ursache, Verfasstheit und dem Zweck des Universums (rationale
Kosmologie);
Diese Fragen können und wollen die Naturwissenschaften mit ihrem Instrumentarium
aus prinzipiellen Gründen nicht mehr behandeln, da die Gegenstände der
Metaphysik prinzipiell jeder (sinnlichen) menschlichen Erfahrungsmöglichkeit
entzogen sind. Wird die Existenz empirisch nicht untersuchbarer Bereiche der
Wirklichkeit bestritten oder für nicht relevant erklärt, so erübrigen sich die
Fragen der Metaphysik. Die traditionelle Metaphysik wurde auf zwei verschiedene
Weisen kritisiert. Während der Positivismus und Vertreter analytischer
Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tendenziell auf eine
Abschaffung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache drängten,
versuchte beispielsweise Martin Heidegger, in einer Überwindung der
Metaphysikgeschichte und in einer radikalen Wende der Fragestellung auf die
Analyse des menschlichen Daseins einen Neuansatz für eine alternative Metaphysik
zu schaffen (Fundamentalontologie, Existenzphilosophie). Mittlerweile finden
traditionelle metaphysische, insbesondere ontologische Fragen und Probleme
wieder breitere Beachtung in der philosophischen Diskussion – auch in viel
debattierten Disziplinen wie der Philosophie des Geistes.
Weitere wichtige Metaphysiker waren u. a. Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin,
Gottfried Wilhelm Leibniz, René Descartes, sowie die Vertreter des Deutschen
Idealismus und der Neuscholastik.
Die Sprachphilosophie untersucht die Beziehung zwischen Sprache, Denken und
Wirklichkeit. Die Analyse von Sprache, z. B. mittels der genauen Zerlegung von
Begriffen, ist in der Philosophie von jeher betrieben worden. Von Anfang an war
damit die überragende Bedeutung der Sprache für kommunikative Prozesse,
Wahrheitsfindung, Erkenntnismöglichkeiten und die Beschreibung und Wahrnehmung
der Welt ein zentrales Thema der Philosophie.
So wurde beispielsweise bereits in der Antike die Frage erörtert, ob einem Ding
eine bestimmte Bezeichnung „von Natur aus“ oder nur durch willkürliche
Festlegung durch den Menschen zukomme. Auch das sich hieran anschließende
wichtige Thema der mittelalterlichen Philosophie - der Universalienstreit - kann
teilweise als ein Problem dieses Bereichs begriffen werden.
Die moderne Sprachphilosophie, welche im 20. Jahrhundert die so genannte
„Linguistische Wende“ (lingustic turn) auslöste, befasst sich u. a. mit der
Abhängigkeit der Wirklichkeitserfassung von den individuellen sprachlichen
Möglichkeiten (vgl. Sapir-Whorf-Hypothese), mit der Herstellung von Wahrheit,
Erkenntnis und Wissen durch Kommunikation (vgl. Sprachspiel), wie man mit Hilfe
sprachlicher Äußerungen Handlungen vollzieht (John Langshaw Austin: „How to do
things with words“, vgl. Pragmatik), dem verzerrenden Einfluss der Sprache auf
die Realität (z. B. in der Feministischen Linguistik) sowie mit der Frage, was
„Bedeutung“ ist.
Zu den wichtigsten Sprachphilosophen zählen Gottlob Frege, Charles S. Peirce,
George Edward Moore, Bertrand Russell, W.v.O. Quine und Ludwig Wittgenstein.
Wichtige Beiträge haben auch die Schüler Ferdinand de Saussures
(Strukturalismus), Martin Heidegger (Etymologie und Neologismen), Michel
Foucault (Diskursanalyse) und Jacques Derrida (Poststrukturalismus) geliefert.
Praktische Philosophie
Ethik und Metaethik
Die philosophische Ethik erstellt auf Basis der Vernunft Kriterien für die
Beurteilung von Handlungen und bewertet diese hinsichtlich ihrer Motive und
Konsequenzen. Dabei unterscheidet sie sich von der Moral, die bestimmte
Handlungen traditionell oder konventionell vorschreibt, obgleich das Ziel der
normativen Ethik in der Begründung von allgemein gültigen Normen und Werten
gesehen werden kann. So hat Kant die weltweit verbreitete moralische Goldene
Regel als allgemeines ethisches Prinzip im kategorischen Imperativ begründet:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass
sie ein allgemeines Gesetz werde.“
„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person
eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel
brauchst.“
– Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Kant
Werke IV, S. 421 bzw. S. 429, 10-12
Die deskriptive Ethik hingegen beschäftigt sich mit den verschiedenen
vorhandenen Moralvorstellungen und versucht diese genau zu fassen und zu
beschreiben. Basis der allgemeinen Ethik ist die Metaethik, die das Sprechen
über Ethik und ethische Begriffe („gut“, „böse“, „Handlung“) analysiert.
Die Ethik gehört zu den wenigen Disziplinen der Philosophie, die bisher nur in
geringem Maße von anderen Wissenschaften in Frage gestellt wurden. Ganz im
Gegensatz zur manchmal geäußerten Auffassung, dass der Relativismus die Ethik
überflüssig mache, zeigt sich ihre zunehmende Bedeutung in den sich immer
stärker entfaltenden Bereichsethiken wie der Medizin-, Tier- oder
Wissenschaftsethik bis hin zur Hacker- und Informationsethik aber auch in der
Schaffung von Institutionen wie dem Nationalen Ethikrat.
Einflussreiche Ethiker sind unter anderem Aristoteles, die Stoiker und
Epikureer, Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Jeremy Bentham und John Stuart Mill,
Max Scheler, Hans Jonas und Karl-Otto Apel.
Rechtsphilosophie
Eine direkte Anwendung der Ethik findet sich in der Rechtsphilosophie, die
zugleich eine der Grundlagen der Rechtswissenschaften bildet. Basierend auf der
Beurteilung von Handlungen in „gut“ und „schlecht“ wird die Frage nach Recht und
Gerechtigkeit und der Folge der Verletzung von moralischen und ethischen Normen
gestellt. Natürlich fragt die Rechtsphilosophie auch nach der Entstehung,
Einsetzung und Legitimation des Rechts, dem Verhältnis von „natürlichem Recht“
(vgl. Menschenrechte) und „gesetztem Recht“ („positives Recht“), nach der
Reihenfolge der Wichtigkeit von Rechtsnormen und ihrer Außerkraftsetzung. Hier
gibt es Überschneidungen mit der politischen Philosophie.
Bekannte Rechtsphilosophen sind Hugo Grotius, Niccolò Machiavelli, Thomas
Hobbes, Hans Kelsen, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und John Rawls.
Politische Philosophie
Die politische Philosophie ist ähnlich wie die Rechtsphilosophie in großen
Teilen von den benachbarten Wissenschaften vereinnahmt worden. So finden große
Teile der philosophischen Diskussion in den Rechts- bzw. Politikwissenschaften
statt. Die Entstehung, Rechtmäßigkeit und Verfasstheit eines Staates wird von
der Staatstheorie untersucht. Die politische Theorie fragt nach der besten
Herrschaftsform, dem Verhältnis zwischen Bürger und Staat, nach Machtverteilung,
Gesetz, Eigentum, Sicherheit und Freiheit.
Wichtige Beiträge hierzu haben u. a. die politischen Denker Platon, Aristoteles,
Augustinus, Marsilius von Padua, Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes, John Locke,
Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Karl Marx, Michail Bakunin, Carl Schmitt,
Hannah Arendt, Karl Popper und Michel Foucault geliefert.
Neuere Disziplinen
Philosophie des Geistes und des Bewusstseins
Obgleich sie sehr alte Fragestellungen behandeln, sind die Philosophie des
Geistes bzw. die Philosophie des Bewusstseins noch junge, interdisziplinär
angelegte Disziplinen, die an die Kognitions- und Neurowissenschaften angrenzen.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach dem Wesen von Geist bzw. Bewusstsein, nach dem
Verhältnis von Leib und Seele, Materie und Geist. Aber auch die Möglichkeit
eines freien Willens, sowie das Wesen mentaler Zustände, von
Bewusstseinsinhalten und Emotionen (Qualia) wird hier untersucht. Weiterhin
befasst sich dieses Gebiet mit der Beurteilung verschiedener
Bewusstseinzustände, Überlegungen zu künstlicher Intelligenz, mit der Identität
des Selbst und mit dem Problem eines möglichen Weiterlebens nach dem physischen
Tod.
Bekannte Vertreter dieser Problemfelder sind Gottfried Wilhelm Leibniz, Baruch
de Spinoza, Alan Turing, Hilary Putnam, John Searle und Donald Davidson. Von
großer philosophischer Bedeutung sind hier auch im Kontext des Buddhismus
ausgearbeitete Theorien.
Moderne philosophische Anthropologie
Die moderne philosophische Anthropologie befasst sich mit dem Wesen des
Menschen, und zwar vornehmlich nicht als Individuum, sondern als Gattungswesen.
Da sie von Menschen selbst betrieben wird, ist sie eine (dialektische)
Selbstreflexion, die gleichzeitig eine Innen- und eine Außenperspektive
aufweist. Die Daseinssituation des Menschen wird unter Einbeziehung aller
wichtigen einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse untersucht.
Das Wesen des Menschen gibt viele Rätsel auf. Seine Stellung im Kosmos, das
Verhältnis von Kultur zu Natur, Vereinzelung und Vergemeinschaftung, die
Probleme der Geschlechtlichkeit, die Rolle von Liebe und Tod sind einige der
Grundfragen der philosophischen Anthropologie. Ob der Mensch von Natur aus gut
oder böse sei, ob Gewalt und Leid zwingend zur menschlichen Existenz gehören, ob
das Leben überhaupt einen Sinn hat: all dies sind weitere Probleme dieser
Disziplin. Sie untersucht aber auch grundsätzliche menschliche Bedürfnisse und
Fähigkeiten wie Selbstverwirklichung, Kreativität, Neugier und Wissensdurst,
Machtstreben und Altruismus, das Phänomen der Freiheit und die Wahrnehmung des
Anderen.
Wichtige Philosophen, die zu anthropologischen Problemen gearbeitet
haben, sind Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich
Nietzsche, Søren Kierkegaard, Max Scheler, Arnold Gehlen, Ernst Cassirer,
Helmuth Plessner und die Vertreter der Existenzphilosophie.
Besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert haben einige Philosophen
Theorien über allgemeine Wesenszüge des Menschen kritisiert, darunter
beispielsweise (mit unterschiedlicher Akzentuierung) Michel Foucault oder Jürgen
Habermas.
Rationalitäts-, Handlungs- und Spieltheorie
Zu den aktuellen Problemen der philosophischen Forschung gehört die Analyse
des menschlichen Handelns unter dem Gesichtspunkt der Vernünftigkeit. Dabei
werden weniger die ethischen Motive berücksichtigt, sondern vielmehr rein
mathematische Kosten-Nutzen-Abwägungen oder das logische Kalkül unter der
Voraussetzung, dass der Mensch gewöhnlich rational handelt.
Einige Philosophen verwenden die Spieltheorie, um Modelle für ethische Probleme
zu entwickeln. Sowohl individuelle (z. B. das Gefangenendilemma), als auch
gesellschaftliche Paradoxa (z. B. die Tragik der Allmende) lassen sich in diesem
Rahmen, wenn schon nicht lösen, so doch verstehen. Die Handlungstheorie
versucht, motivierte Handlungen zu erklären, so etwa, ob und wie es möglich ist,
bei zwei alternativen Handlungen, frei und absichtlich die selbst für schlechter
gehaltene zu wählen (Akrasia). Die Klärung des Begriffs „Rationalität“ ist,
gerade wenn die Rationalität von Handlungen untersucht wird, ein in jüngerer
Zeit umfänglich debattiertes Gebiet. In der Geschichte der Philosophie waren die
Begriffe „Verstand“ und „Vernunft“, „ratio“ und „Intellekt“ oft strittig. An
ihrer Bestimmung entschied sich oft, welche Konzeption von Philosophie vertreten
wurde. In der Moderne ist „Rationalität“ in verschiedener Hinsicht zunehmend
fragwürdig geworden, so dass die gegenwärtige Philosophie vor der Aufgabe steht,
ihre eigene Minimalbestimmung kritisch zu hinterfragen.
Philosophische Mystik
Obwohl mystische Elemente in westlichen und östlichen philosophischen
Traditionen oft präsent waren, ist der Begriff der „Philosophischen Mystik“ noch
jung. Sie hält zum einen – ähnlich der Philosophia perennis – daran fest, dass
es ewige, unveränderliche und universal gültige Wahrheiten bezüglich der
Wirklichkeit und des Menschen zu erkennen gibt. Zum anderen betont sie, wie alle
mystische Strömungen, den Vorrang des gegenwärtigen Hier-und-Jetzt-Daseins, die
Wichtigkeit der zweckfreien Kontemplation, die Würde der Schöpfung und die
zentrale Bedeutung des Eingebettetseins der individuellen Existenz in das Ganze
des Weltgefüges.
In ihrer Arbeitsweise überschreitet sie die Grenzen von Vernunft und Verstand
und betont auch erfahrbare, aber dennoch intersubjektiv mitteilbare und
philosophisch behandelbare Gewissheiten. Zentrale Themen der philosophischen
Mystik sind u. a. die Erfahrung der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung, der
Zusammenfall aller Gegensätze in Gott (coincidentia oppositorum), die mögliche
Einheit des Menschen mit dem All-Ganzen (unio mystica) und die Spur des
Göttlichen im menschlichen Wesen (scintilla animae).
Einige westliche Philosophen, in deren Lehren sich mystische Elemente finden,
sind Plotin, Meister Eckhart, Nikolaus von Kues, Jakob Böhme, Gottfried Wilhelm
Leibniz, Blaise Pascal, Baruch de Spinoza, Martin Heidegger, Simone Weil und Ken
Wilber. In der außereuropäischen, besonders der östlichen Philosophie, spielt
die Mystik traditionell eine große Rolle. Typischerweise überwindet sie nicht
nur die Grenzen der Philosophie, sondern auch die der Religion, so etwa im Zen,
im Yoga, im Sufismus, in der Kabbala und in der christlichen Mystik.
Geschichtliche Entwicklung
Die Geschichte der westlichen Philosophie beginnt im 6. Jahrhundert v. Chr.
im antiken Griechenland und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Sie zeichnet
sich dadurch aus, dass immer wieder neue Antworten auf die philosophischen
Grundfragen gefunden, begründet und diskutiert wurden. Dies lässt sich teils auf
veränderte Bedürfnisse des jeweils herrschenden Zeitgeists, teils auf die
fortdauernde Weiterentwicklung der übrigen Wissenschaften zurückführen.
„Fortschritte“ im Sinne eines endgültigen Widerlegens oder Beweisens von Lehren
macht die Philosophie aus Sicht der meisten Philosophen allerdings kaum:
„Das philosophische Denken hat auch nicht den Charakter eines
Fortschrittprozesses. Wir sind gewiss weiter als Hippokrates, wir sind aber kaum
weiter als Platon.“
– Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie (1950)
Der Philosoph Alfred North Whitehead charakterisierte die Geschichte der
europäischen Philosophie seit Aristoteles einmal als bloße „Fußnoten zu
Platon“.[5] Da philosophische Ideen und Begriffe nicht veralten, hat für die
Philosophie die Untersuchung ihrer eigenen Geschichte eine weitaus größere
Bedeutung als für die meisten anderen Wissenschaften – ihre Vergangenheit ist
zugleich auch immer ihre Gegenwart. Gute Kenntnisse der vielfältigen Einsichten
und Begrifflichkeiten der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte des Denkens sind
in der (wissenschaftlichen) Philosophie erforderlich, um längst erkannte Fehler
umgehen und manche neue Gedanken und Deutungen entwickeln und kommunizieren zu
können.
Antike
In der stadtstaatlichen Welt des antiken Griechenland kam es infolge
kultureller Fortschritte und verstärkten Kontakts zu benachbarten Kulturen zu
wachsender Kritik am traditionellen, vom Mythos geprägten Weltbild.
In diesem geistigen Klima begann mit den Vorsokratikern – wie man die
griechischen Philosophen vor oder zu Lebzeiten des Sokrates nennt – die
Geschichte der westlichen Philosophie. Ihr nur bruchstückhaft überliefertes
Denken ist von naturphilosophischen Fragen nach den Grundlagen der Welt
bestimmt. Mittels einer Mischung aus Spekulation und empirischer Beobachtung
versuchten sie die Natur und die Vorgänge in ihr zu begreifen. Sie wollten alle
Dinge auf ein ursprüngliches Prinzip (gr. arché), und zwar einen „Urstoff“
zurückführen. So hielt der erste bekannte Philosoph Thales von Milet das Wasser
für diesen „Urstoff“. Empedokles begründete die bis zum 18. Jahrhundert in der
Naturphilosophie herrschende Lehre von den vier Elementen Wasser, Feuer, Erde
und Luft, aus denen alle Dinge zusammengesetzt seien.
Neben diesen Ansätzen gab es noch andere Modelle der Welterklärung. Pythagoras
und seine Schule hielten die Zahl für das alles bestimmende Prinzip und nahmen
damit einen wichtigen Grundsatz der modernen Naturwissenschaften vorweg.
Heraklit betonte das Werden und Vergehen und sah als Grundlage der Wirklichkeit
den Logos, ein einheitsstiftendes Prinzip der Gegensätze. Die Philosophie von
Parmenides, der im Gegensatz dazu die Einheit und Unvergänglichkeit des Seins
annahm, wird als Beginn der Ontologie aufgefasst.
Mit dem Auftreten der Sophisten Mitte des 5. Jahrhunderts trat der Mensch in den
Mittelpunkt philosophischer Betrachtung (Protagoras: „Der Mensch ist das Maß
aller Dinge“)[6]. Sie beschäftigten sich besonders mit ethischen und politischen
Problemen, etwa mit der Frage, ob Normen und Werte naturgegeben oder von
Menschen festgelegt sind.
Zu einem Leitbild der europäischen Philosophie wurde der Athener Sokrates. Seine
Methode der Mäeutik („Hebammenkunst“) bestand darin, dass Sokrates in
scheinbarer Naivität seine Gesprächspartner durch eine tiefgründige und
zielgerichtete Fragetechnik auf Widersprüche in ihrem Denken hinwies und zu
Einsichten führte („beim Gebären unterstützte“), die ihnen zu einem
philosophisch veränderten Blick auf die Welt verhalfen. Seine demonstrative
geistige Unabhängigkeit und sein unangepasstes Verhalten trugen ihm ein
Todesurteil wegen Gottlosigkeit und Verderbnis der Jugend ein (vgl. Apologie).
Da Sokrates selbst nichts schriftlich festhielt, ist sein Bild maßgeblich von
seinem Schüler Platon bestimmt worden. Dessen weitestgehend in Dialogform
abgefasstes Werk bildet einen zentralen Ausgangspunkt der abendländischen
Philosophie. Ausgehend von der sokratischen Was-ist-Frage („Was ist Tugend?
Gerechtigkeit? Das Gute?“) schuf Platon die Ansätze einer Definitionslehre.
Außerdem war er Urheber einer Ideenlehre, der die Vorstellung einer zweigeteilte
Wirklichkeit zugrunde liegt: Dem mit den Sinnesorganen wahrnehmbaren dinglichen
Objekt steht auf der Ebene der Ideen eine nur dem dafür empfänglichen Intellekt
zugängliche abstrahierte, allgemeine Entsprechung gegenüber. Nach Platons
Überzeugung führt das Wissen von diesen Ideen zu einem tiefergehenden
Verständnis der gesamten Wirklichkeit.
Platons Schüler Aristoteles verwarf die Ideenlehre als eine unnötige
„Verdopplung der Welt“. Für ihn bestand das Wesen eines Dinges nicht in einer
zusätzlich existierenden Idee, sondern in der Form, die dem Ding innewohnt.
Seine Schule begann die gesamte erfahrbare Wirklichkeit – Natur und Gesellschaft
– in verschiedene Wissensgebiete zu gliedern, zu analysieren und
wissenschaftlich zu ordnen. Außerdem begründete Aristoteles die klassische Logik
(Syllogistik), Wissenschaftssystematik und Wissenschaftstheorie. Dabei führte er
philosophische Grundbegriffe ein, die bis in die Neuzeit maßgeblich blieben.
Am Übergang vom 4. zum 3. Jahrhundert v. Chr. entstanden in Athen im Hellenismus
zwei weitere philosophische Schulen, die in deutlicher Akzentverschiebung
gegenüber der platonischen Akademie und dem aristotelischen Peripatos das
individuelle Seelenheil in das Zentrum ihres Bemühens stellten: Für Epikur und
seine Anhänger einerseits sowie für die Stoiker um Zenon von Kition andererseits
diente Philosophie hauptsächlich dazu, mit ethischen Mitteln psychisches
Wohlbefinden bzw. Gelassenheit zu erlangen. Epikur sah dafür ein maßvoll
gestaltetes, wohldosiertes Genussleben vor, das sich von aller politischen
Betätigung fernhielt. Die Stoiker erstrebten die Seelenruhe, indem gegenüber
allen inneren und äußeren Herausforderungen Gleichmut bewahrt werden sollte.
Dies sollte vor allem durch Kontrolle der Emotionen in Verbindung mit einer
schicksalsbejahenden Grundhaltung im Einklang mit der Ordnung des Universums
erreicht werden; zugleich wusste man um die Verpflichtungen gegenüber den
Mitmenschen und der Gemeinschaft. Diese Lehre fand später Eingang in führende
Kreise der Römischen Republik.
Während die Anhänger der pyrrhonischen Skepsis grundsätzlich die Möglichkeit
sicherer Urteile und unzweifelhaften Wissens bestritten, formte Plotin im 3.
Jahrhundert Platons Ideenlehre um (Neuplatonismus). Seine Konzeption von der
Abstufung des Seins (vom „Einen“ bis hinab zur Materie) bot dem Christentum
mannigfaltige Anknüpfungsmöglichkeiten und war die vorherrschende Philosophie
der Spätantike.
Mittelalter
Die Philosophie des Mittelalters sonderte sich nur allmählich von der
Theologie ab und blieb auch dann wesentlich durch religiöse Institutionen,
Lebensformen und Lehren geprägt. Sie orientierte sich methodisch und inhaltlich
stark an Traditionen und Autoritäten. Fundament und Bezugsgröße bildeten im
christlichen Kontext wesentlich die Lehren, welche die Kirchenväter der
Patristik geschaffen hatten.
Als maßgeblich erwiesen sich bis zum Beginn des Spätmittelalters vor allem die
Ansichten des Augustinus von Hippo. Er fasste die Weltgeschichte als
unablässigen Kampf des Reichs des Bösen gegen das Reich des Guten auf.
Gesellschaft und Kirche, Theologie und Philosophie bilden demnach eine Einheit,
die keine Zweifel an Entscheidungen der Kirche zulässt.
Der „letzte Römer“ und „erste Scholastiker“ Boethius stand am Anfang der
mittelalterlichen Versuche, eine Synthese zwischen dem platonischen und dem
aristotelischen Denken zu bilden, begründete die mittelalterliche Logik, bildete
Begriffe wie „Person“ oder „Natur“, löste den Universalienstreit aus und entwarf
eine folgenreiche Wissenschaftskonzeption, an die etwa die Schule von Chartres
anschloss.
Während im Osten das griechischsprachige byzantinische Reich wichtige Teile des
antiken Wissens bewahrte, beschränkte sich die bruchstückhafte Erhaltung des
antiken Erbes im „lateinischen Westen“ bis zum Beginn des Spätmittelalters
weitgehend auf die Kloster- und Domschulen. Bis 1100 traten nur wenige
Philosophen hervor, darunter Anselm von Canterbury, der einen rein
philosophischen Gottesbeweis formulierte, dem eine anhaltende Nachwirkung
beschieden war.
Seit dem späten 11. Jahrhundert erlebte die westliche Philosophie einen
Aufschwung. Dabei spielte die Verbreitung von übersetzten Werken
arabischsprachiger Philosophen, die ihrerseits an antike Traditionen anknüpften,
eine wesentliche Rolle.
Eines der Hauptthemen der mittelalterlichen Philosophie wurde schon früh der
Universalienstreit. Dabei ging es um die Frage, ob Allgemeinbegriffe bloße
gedankliche Abstraktionen und Konventionen zum Zweck der Verständigung sind oder
ob sie eine eigenständige objektive Realität bezeichnen, wie die platonische
Tradition mit ihrer Ideenlehre behauptet. Im Zusammenhang mit diesem Problemfeld
setzten sich viele Denker intensiv mit der Sprachlogik auseinander; es entstand
die „spekulative Grammatik“, die nach der Verbindung zwischen einer Theorie der
Grammatik und einer Theorie der Wirklichkeit fragt. Viele Philosophen nahmen im
Universalienstreit vermittelnde Positionen ein, darunter Petrus Abaelardus.
Dieser trug viel zur Herausbildung der scholastischen Methode der
Gegenüberstellung und Abwägung gegensätzlicher Lehrmeinungen bei.
Im 13. Jahrhundert wurden zahlreiche bisher im Westen unbekannte Werke des
Aristoteles in neuen Übersetzungen zugänglich; hinzu kamen die Schriften der
arabischsprachigen Aristoteleskommentatoren. Sie wurden zur Grundlage des
universitären Unterrichts. Besonders Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von
Aquin sorgten für die Verbreitung des Aristotelismus, der sich schließlich
gegenüber dem bisher vorherrschenden Platonismus bzw. Augustinismus weitgehend
durchsetzte und bis tief in die Frühe Neuzeit hinein die maßgebliche
philosophische Richtung in der akademischen Welt blieb. Thomas begründete den
Thomismus, einen großangelegten Versuch der Zusammenführung aristotelischer
Philosophie mit den Lehren der katholischen Kirche. Während der Orden der
Dominikaner schon früh diese zunächst noch verurteilte Konzeption durchsetzte,
entwarfen besonders Denker der Franziskaner wie Johannes Duns Scotus
Alternativen. Dieser erkannte u.a. die Eigenständigkeit der Philosophie
gegenüber der Theologie an. Gegenstand der Metaphysik war für ihn nicht Gott
(Averroes), sondern das Seiende als Seiendes (Avicenna). Darüber hinaus bestand
er auf der Differenz zwischen geglaubtem und im Rahmen der Philosophie gedachtem
Gott, was zahlreiche rein philosophische Beweisverfahren – etwa für die
Unsterblichkeit der Seele – unmöglich machte.
Konzepte, in denen geistige Erkenntnis nicht auf das Allgemeine, sondern auf das
Einzelne abzielte, ermöglichten die Begründung einer erfahrungsorientierten
Wissenschaft, wie sie auch ein anderer Vorläufer naturwissenschaftlichen
Denkens, Roger Bacon, forderte: durch eine Abkehr von Spekulation und
Autoritätsgläubigkeit. Ein weiterer Vorbereiter der Moderne war der
prominenteste Vorkämpfer des Nominalismus, Wilhelm von Ockham, der im frühen 14.
Jahrhundert einen neuen Weg in der Philosophie einschlug (via moderna).
Marsilius von Padua begründete eine neue Staatstheorie, in der sich wichtige
Ideen der Neuzeit (Gesellschaftsvertrag, Trennung von Kirche und Staat)
ankündigten.
Wichtigster Vertreter der christlichen Mystik des Mittelalters war Meister
Eckhart, der sich als „Lebensmeister“ sah und die Bedeutung der praktischen
Umsetzung philosophischer Erkenntnis im eigenen Lebensvollzug betonte. Ebenfalls
in dieser Tradition stand Nikolaus von Kues, der an der Schwelle zur Neuzeit
viele Entwicklungen der folgenden Jahrhunderte vorwegnahm. Seine Ideen, die von
der Unerkennbarkeit Gottes bis zu den Gesetzen und Grenzen der Physik oder der
Erkenntnis reichen, weisen auf spätere Denker wie Immanuel Kant, Isaac Newton
und Albert Einstein voraus.
Frühe Neuzeit
Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wird von der Renaissance und dem
Humanismus markiert. In dieser Epoche konnte sich neben der breiten Strömung der
traditionellen Scholastik allmählich die neuzeitliche Philosophie etablieren.
Besonders die politische Philosophie geriet in der Renaissance in Bewegung:
Niccolò Machiavellis These, die Ausübung politischer Herrschaft sei nicht unter
moralischem, sondern allein unter dem Nützlichkeitsaspekt zu beurteilen, erregt
noch heute Anstoß. Eine ganz andere Richtung schlug Thomas Morus ein, der in
seiner Utopie (Utopia, 1516) einen Staat mit Bildung für alle, mit
Religionsfreiheit und ohne Privateigentum entwarf, womit er einige Ideen der
Moderne vorwegnahm.
Während der Humanist Pico della Mirandola versuchte, eine grundsätzliche
Übereinstimmung aller philosophischen Traditionen zu erweisen, wurde das Denken
von Männern wie Johannes Kepler, Nikolaus Kopernikus oder Giordano Bruno von dem
Versuch bestimmt, Philosophie und Naturwissenschaften miteinander zu verbinden.
Vorstellungen wie das heliozentrische Weltbild, die des unendlichen Kosmos oder
des Allgottglaubens stießen dabei auf heftigen Widerstand der Kirche.
Das naturwissenschaftliche Weltbild, die Methoden der Mathematik und der Glaube
an die Vernunft sollten die Philosophie der Neuzeit im 17. und 18. Jahrhundert
bestimmen. In der Theorie nahm sie die politischen Umbrüche vorweg, die in der
Französischen Revolution gipfeln sollten.
Der Welterklärung des Rationalismus liegen „vernünftige Schlussfolgerungen“
zugrunde, somit auch dem von René Descartes begründeten Cartesianismus. Sein
Satz „Ich denke, also bin ich“[7], mit dem er den unbezweifelbaren Ursprung
aller Gewissheiten gefunden zu haben glaubte, gehört zu den bekanntesten
philosophischen Thesen. Denker wie Spinoza und Leibniz entwickelten seinen
Ansatz in großen metaphysischen Systementwürfen (vgl. Monade) weiter. Diese
erkenntnistheoretische Vorgehensweise wurde auf alle Teilgebiete der Philosophie
angewendet; man versuchte, selbst die elementaren Grundsätze menschlicher Moral
aus „vernünftigen“ Überlegungen abzuleiten, die so zwingend seien wie
geometrische Beweise (Ethica, ordine geometrico demonstrata, 1677).
Bei dem Theorietyp des Empirismus werden nur solche Hypothesen anerkannt, die
sich auf „sinnliche Wahrnehmung“ zurückführen lassen. Ihm verpflichtet waren u.
a. Thomas Hobbes, John Locke und David Hume. Das Prinzip der Ableitung aller
Erkenntnis aus Sinneserfahrungen hat als Grundlage des naturwissenschaftlichen
Arbeitens eine überragende Bedeutung bis in die Gegenwart. So ist auch die
analytische Philosophie in dieser Denktradition verwurzelt.
Die emanzipatorisch-bürgerliche Bewegung der Aufklärung erhob die Vernunft zur
Grundlage aller Erkenntnis und zum Maßstab allen menschlichen Handelns. Sie
forderte die Menschenrechte ein und dachte über die Wiederherstellung einer
„unverfälschten natürlichen Lebensweise“ nach. Sie trat für staatliche
Gewaltenteilung (Montesquieu) und Mitspracherechte insbesondere des Bürgertums
ein. Eine theoretische Basis dafür war die Idee eines Gesellschaftsvertrags (z.
B. bei Jean-Jacques Rousseau); Verfassungen sollten die neuen Rechte absichern.
Schließlich erarbeitete einer der zentralen Philosophen der Neuzeit, Immanuel
Kant, seine von vielen Zeitgenossen als revolutionär empfundene
Erkenntniskritik. Sie besagt, dass wir nicht die Dinge selbst erkennen können,
sondern immer nur deren Erscheinungen, die von den Möglichkeiten, die der
Verstand und die Sinne bieten, vorgeformt werden. Danach ist jede Erkenntnis
immer vom erkennenden Subjekt abhängig. Auch Kants weitere Arbeiten u. a. zur
Ethik („kategorischer Imperativ“), Ästhetik und zum Völkerrecht (Zum ewigen
Frieden, 1795/96) hatten erhebliche Bedeutung für die nachfolgenden
Jahrhunderte.
19. Jahrhundert
Ein Teil der Philosophie war in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts von dem Streben geprägt, die Erkenntnisse Kants zu
„vollenden“, zu „verbessern“ oder zu übertreffen. Kennzeichnend für den
Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) sind die allumfassenden
spekulativen metaphysischen Systeme, in denen das „Ich“, das „Absolute“ bzw. der
„Geist“ die Grundlagen der Welt bestimmen.
Eine andere Richtung schlugen empiristisch geprägte Strömungen wie der
Positivismus ein, der die Welt allein mit Hilfe der empirischen Wissenschaften,
d.h. ohne Metaphysik erklären wollte. In England erarbeiteten Bentham und Mill
den Utilitarismus, der der Ökonomie und der Ethik durch ein konsequentes
Kosten-Nutzen-Konzept und mit der Idee einer Art „Wohlstand für alle“ (das
Prinzip des größten Glücks der größten Zahl) wichtige Impulse gab. Die Ökonomie
steht neben der Geschichtsphilosophie auch im Mittelpunkt der Philosophie von
Marx, der im Anschluss an Hegel und die Materialisten den Kommunismus
begründete. Marx forderte, theoretische Reflexionen an der Umgestaltung der
konkreten sozialen Verhältnisse zu messen:
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber
darauf an, sie zu verändern.“
– Karl Marx: Thesen über Feuerbach, MEW Bd. 3, S. 535 (1845)
Prominente Denker, die neue Wege einschlugen, waren Arthur Schopenhauer, Sören
Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Schopenhauer betonte im Anschluss an die
indische Philosophie die Priorität und Übermacht des Willens gegenüber der
Vernunft. Seine pessimistische Weltsicht, die von der Erfahrung des Leidens
bestimmt ist, geht auch von buddhistischen Vorstellungen aus. Friedrich
Nietzsche, der wie Schopenhauer großen Einfluss auf die Künste hatte,
bezeichnete sich selbst als Immoralisten. Für ihn waren die Werte der
überkommenen christlichen Moral Ausdruck von Schwäche und Dekadenz. Er
thematisierte Ideen des Nihilismus, des Übermenschen und der „ewigen
Wiederkunft“, der endlosen Wiederholung der Geschichte. Der religiöse Denker
Sören Kierkegaard war in mancher Hinsicht ein Vorläufer des Existenzialismus. Er
vertrat einen radikalen Individualismus, der nicht danach fragt, wie man
grundsätzlich richtig handeln könne, sondern wie man sich als Individuum in der
jeweils konkreten Situation zu verhalten habe.
20. Jahrhundert
Die Philosophie des 20. Jahrhunderts zeichnete sich
durch ein großes Spektrum von Positionen und Strömungen aus. In seinen Anfängen
war dieses Jahrhundert von einer starken Fortschritts- und
Wissenschaftsgläubigkeit geprägt. Erst in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts – das auf gesellschaftlicher Ebene die Erfahrung der beiden
Weltkriege, der Shoa und der Bedrohung des Planeten durch Kernwaffen gebracht
hatte und das die Gefährdung der Ökosysteme durch den Menschen selbst hat
hervortreten lassen – kamen die nach Rousseau weitgehend an den Rand gedrängten
Fortschrittsskeptiker auch in der Philosophie wieder stärker zur Geltung.
Die enormen Erfolge der Technik im 19. Jahrhundert führten zu einem Erstarken
neopositivistischer Positionen. Der logische Empirist Rudolf Carnap plädierte
dafür, die Philosophie gänzlich durch eine „Wissenschaftslogik“ – d. h. durch
die logische Analyse der Wissenschaftssprache – zu ersetzen.
Der kritische Rationalist Karl Popper argumentierte, dass wissenschaftlicher
Fortschritt vor allem durch Widerlegung einzelner Theorien durch Experimente
(„Falsifizierung“) geschehe. Seiner Ansicht nach setzen sich in einem
evolutionsartigen Selektionsprozess diejenigen wissenschaftlichen Theorien
durch, die der Wahrheit am nächsten kommen. Thomas S. Kuhn hielt dagegen
verschiedene Theorien zur selben Frage prinzipiell für unvergleichbar, eine
Überlegenheit der einen über die andere daher für nicht sachlich begründbar,
wodurch die Dominanz einer Theorie eine Sache der Rhetorik würde. In eine
ähnliche Richtung ging auch das Plädoyer Paul Feyerabends für methodische
Freiheit. Für den Pragmatismus schließlich müssen Theorien unter dem
Gesichtspunkt ihrer Brauchbarkeit und Anwendbarkeit in der Praxis beurteilt
werden.
Als Reaktion auf die zunehmende Verwissenschaftlichung aller
Lebensbereiche können jene Denkströmungen verstanden werden, die sich dem
Einzelnen und dem Leben zuwenden. So war das Grundverständnis der
Lebensphilosophie, dass sich die Ganzheitlichkeit des Lebens nicht allein durch
Wissenschaft, Begriffe und Logik beschreiben lässt. Henri Bergson etwa sah einen
fundamentalen Unterschied zwischen der individuell erlebten Zeit und der
analytischen Zeit der Naturwissenschaft. Ähnlich kritisch forderte auch Edmund
Husserl, der Begründer der Phänomenologie, dazu auf, sich bei der analytischen
Betrachtung der Dinge zunächst an das zu halten, was dem Bewusstsein unmittelbar
erscheint, um eine vorschnelle Weltdeutung zu vermeiden. Von großem Einfluss war
die Existenzphilosophie seines Schülers Martin Heidegger. Dessen Ausgangspunkt
war die Analyse der allgemeinen menschlichen Befindlichkeit und führte ihn zu
der Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt.
Im Anschluss an Heidegger vertrat der Existenzialismus, insbesondere
repräsentiert durch Jean-Paul Sartre, die These, dass der Mensch „zur Freiheit
verurteilt“ sei. Er müsse mit jeder seiner Handlungen eine Wahl treffen, für die
er selbst verantwortlich sei.
„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich
entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt, auf
die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei
Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das
sind Spielereien; erst muss man antworten.“
– Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos, Kap. „Das Absurde und der Selbstmord“
(1942)
Das 20. Jahrhundert war von sozialen Umwälzungen und dem Konflikt zwischen
Sowjetkommunismus und westlich-kapitalistischen Gesellschaftsformen geprägt. Im
Zuge dieser Auseinandersetzung, die im Kalten Krieg kulminierte und mit der
Globalisierung weltweite Dimensionen annahm, wurden geschichts- und
sozialphilosophische Fragestellungen in der philosophischen Debatte stark
akzentuiert.
Das von Karl Marx am Ende aller Klassenkämpfe in Aussicht gestellte „Reich der
Freiheit“ suchte Ernst Bloch in Prinzip Hoffnung als konkrete Utopie zu
erweisen, die gegenüber allen vorherigen Utopien den Vorzug habe, auf dem
Fundament des Dialektischen Materialismus zu gründen. Auch Herbert Marcuse und
die Begründer der Kritischen Theorie, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer,
entwickelten ihre philosophischen Ansätze zur Entfremdungsproblematik vor dem
Hintergrund der Gesellschaftsanalysen von Marx und Engels. Mit Jürgen Habermas
hat die auch als Frankfurter Schule bezeichnete Kritische Theorie einen
Philosophen hervorgebracht, der mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns
und dem Ideal des „herrschaftsfreien Diskurses“ ebenfalls dem Leitbild einer aus
Abhängigkeitsverhältnissen befreiten Gesellschaft verpflichtet ist, dabei aber
die chancenreichen Potentiale der westlichen Demokratien schätzt. Vor den
Gefahren eines „atomistischen Individualismus“ in modernen Gesellschaften warnt
der Vordenker des Kommunitarismus Charles Taylor, der den Weg zur Erhaltung bzw.
Schaffung humaner gesellschaftlicher und gesamtökologischer Lebensbedingungen in
einer noch zu findenden Balance zwischen Individualrechten und
Gemeinschaftspflichten der Menschen sieht.

Gegenwart
Die Philosophie der Gegenwart steht vor dem Problem, ihren Gegenstand
überhaupt zu erfassen, da eine rückblickende Bewertung der Bedeutung der
verschiedenen Ansätze noch nicht vorzunehmen ist. Die Wissenschaftstheorie ist
jedoch weiterentwickelt worden, indem sie klarere Begriffe von „Bestätigung“ und
„Theorienreduktion“ prägte.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird der Sprache eine zunehmend zentrale Stellung
in der Philosophie eingeräumt. Ludwig Wittgenstein entwarf ein völlig neues
Verständnis von Sprache, die er als ein unüberschaubares Konglomerat einzelner
„Sprachspiele“ begriff. Dabei behandle die Philosophie nur „Scheinprobleme“, d.
h. sie heile lediglich ihre eigenen „Sprachverwirrungen“. Philosophieren sei
also keine „erklärende“, sondern eine „therapeutische“ Tätigkeit:
„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die
Mittel unserer Sprache.“
– Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, S. 109 (1953)
Die anfangs vorwiegend sprachphilosophisch orientierte analytische Philosophie
dominiert in angelsächsischen Kontexten und zunehmend auch im deutschen
Sprachraum die Methode akademischer Philosophie. An den meisten Universitäten
herrscht jedoch ein ausgeprägter Pluralismus bezüglich der gelehrten
philosophischen Themen und Strömungen.
In den deutschsprachigen Ländern eher wenig beachtet, stellt auch die
Neuscholastik, vor allem der Neuthomismus, weltweit eine einflussreiche Strömung
der Gegenwartsphilosophie dar, seitdem die katholische Kirche diese Ende des 19.
Jahrhunderts zum offiziellen Lehrinhalt u. a. der Priesterausbildung erhoben
hatte.
Die Postmoderne (z. B. Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard,
Jacques Derrida) ist eine Gegenbewegung zu den Ideen der Moderne und betont die
Differenzen von Denk- und Lebenswelten. Auch die menschliche Identität schätzt
sie als instabil ein. Die der Postmoderne nahestehende feministische Philosophie
zielt auf die Abhängigkeit der Weltinterpretation vom Geschlecht.
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